Kommentar

Wir haben es satt
Von Margit Kautenburger

Dieses Fleisch enthält Antibiotika!“ Wäre Hähnchenfilet mit diesem Hinweis versehen, würde wohl vielen der Appetit vergehen. Eine solche Kennzeichnung wird es nicht geben, doch unter dem Druck von Umwelt- und Verbraucherschützern will die Politik den Antibiotikaeinsatz in den Mastställen eindämmen. Das ist längst überfällig.

Denn die in den Tierställen in großem Stil eingesetzten Antibiotika erzeugen Keime, die auch Menschen gefährlich werden. Den Verantwortlichen ist das Problem seit Jahren bekannt, öffentlich wurde es aber kaum wahrgenommen: Die Erreger entstehen nicht nur, weil Ärzte zu häufig Antibiotika verschreiben, sondern auch, weil sie über Hähnchen-, Kalb- oder Schweinefleisch auf die Verbraucher übergehen. Die Stichprobenuntersuchung des Bundes für Umwelt und Naturschutz kommt zu einem erschreckenden Ergebnis. Jedes zweite Hähnchen war mit gefährlichen Keimen belastet. Infiziert sich ein Mensch mit solchen Erregern, kann dies Erkrankungen schwerer und länger verlaufen lassen. EU-weit führt das jährlich zu etwa 25 000 Todesfällen.

Die Geflügelwirtschaft tut das Ergebnis der Untersuchung als Angstmache ab. Jedes natürliche Lebensmittel sei mit Keimen belastet, wer das nicht wolle, müsse auf Chemie zurückgreifen, heißt es. Der Bauernpräsident verteidigt den Einsatz von Antibiotika in der Hähnchenmast gar als Notwendigkeit. Kranken Tieren müsse geholfen werden. Das grenzt an Zynismus und zeigt, dass die Agrarlobby von Einsicht weit entfernt ist. Ihr geht es nicht um die Gesundheit der Tiere, sondern um einen höheren Gewinn – zulasten der Konsumenten. Zwar erfreut sich Geflügel großer Beliebtheit. Doch das Blatt könnte sich wenden, wenn Massentierställe nicht nur wegen ihrer Enge, sondern auch noch als Brutstätten für Krankheitserreger in Verruf geraten. Auch im Bundesverbraucherschutzministerium sieht man Handlungsbedarf. Ministerin Ilse Aigner will den Antibiotikaeinsatz „auf das notwendige Maß“ begrenzen. Tierärzte sollen verpflichtet werden, alle Daten über die Abgabe und die Anwendung von Antibiotika an die Landesbehörden zu übermitteln. Der Schritt geht, wenn auch spät, in die richtige Richtung. Es bleiben aber viele Schlupflöcher, die einen Wandel verhindern. So fehlt eine bundesweite Vorgabe, in welchem Zeitraum die Behandlungen um wie viel reduziert werden sollen. Auch wird vorerst nur erwogen, Veterinären den Verkauf der Medikamente zu untersagen. Die Wurzel des Problems packt Aigner aber nicht an: die Massentierhaltung. Dabei ist erwiesen, dass diese Haltung ohne Antibiotika nicht funktionieren würde. Weil Hähnchen und Schweine dicht an dicht auf feuchter Einstreu leben, sind die Tiere anfällig für Krankheiten. Keime verbreiten sich in solchen Ställen schneller als in kleineren Gruppen. Wollte Aigner daran etwas ändern, bräuchte sie viel Mut. Sie müsste sich sowohl mit der Agrarwirtschaft anlegen als auch mit der Pharmaindustrie. Die Verbraucher aber sollten sich nicht abspeisen lassen. Die Fleischerzeuger sind verpflichtet, sichere Produkte zu liefern. Es gibt Mäster, die zeigen, dass es auch anders geht: Mit artgerechter Haltung verringern sie die Krankheitsraten in den Ställen. Das setzt aber auch bei den Verbrauchern Umdenken voraus. Hauptsache viel und billig sollte nicht die oberste Maxime sein.

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Artikel vom 11.01.2012 - 18.58 Uhr
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