Kommentar

Die Patienten-Partei
Von Gabi Stief

Es war einmal eine wunderbare Beziehung. Der Arzt heilte, der Patient vertraute. Der Doktor war eine Autorität, der Kranke schaute auf. Eine heile Welt. Und heute? Der Doktor versucht noch immer zu heilen. Aber ihn plagen immer mehr eigene Probleme. Seit Jahren klagt die Ärzteschaft über zu wenig Geld, familienfeindliche Arbeitszeiten und Bürokratie. Der Patient wiederum ist selbstbewusster geworden. Er zahlt weitaus mehr als früher, und er zweifelt mehr als früher, ob sein Arzt alles richtig macht. Die Politik probiert es mit Erster Hilfe. Immerhin: Die Ärzte können auf dem Land demnächst mit Honorarzuschlägen rechnen, das soll helfen, die Versorgung der Patienten jenseits der Ballungsräume zu verbessern. Eine weitere Neuerung: Die Patienten werden voraussichtlich im nächsten Jahr mit mehr Rechten ausgestattet; das soll es ihnen leichter machen, Schadensersatz wegen der Folgen schlechter Heilkunst durchsetzen zu können. Beide Reformen jedoch werden die Grunderkrankung nicht lindern. Das Beste am Patientenrechtegesetz ist, dass man erstmals in einem gesonderten Paragrafenwerk nachschlagen kann. Aber im Ernstfall, wenn der Arzt zum Gegner wird, ist der Patient so klein und machtlos wie zuvor. Die geplante Umkehr der Beweislast bei groben Behandlungsfehlern ist bereits heute gängige Rechtsprechung. Wie indessen „grobe“ von „weniger groben“ Fehlern abgegrenzt werden sollen, wird nicht beantwortet. Die Umzugsprämie, die der Gesetzgeber Ärzten gewährt, wird vielleicht einige von ihnen aufs Land locken. Aber auch der Honorarzuschlag wird nichts daran ändern, dass es in vielen Regionen einsam wird und alte Menschen zurückbleiben, die weite Wege zurücklegen müssen, um eine Arztpraxis oder ein Versorgungszentrum aufzusuchen. Deutschland wird zur Altenrepublik, aber das Gesundheitswesen ist darauf nicht vorbereitet. 2060 wird die eine Hälfte der Bevölkerung, die Erwerbsfähigen, die andere Hälfte der Bevölkerung, Jugendliche, Kinder und Rentner, mit ihrem Einkommen unterstützen müssen. Die Älteren werden nicht nur das Bild der Gesellschaft prägen, sie werden auch die Macht haben, ihre Forderungen durchzusetzen; über eine Piraten-Partei wird man dann wohl kaum noch reden – aber eine Patienten-Partei hätte gute Chancen. Es geht um eine Frage, die ebenso schlicht ist wie brisant: Wie wird das Geld verteilt?

Gibt es Antworten auf die steigenden Gesundheitskosten, die das System sprengen werden? Fehlanzeige. Stattdessen werden Beruhigungspillen verteilt. Die Politik schwankt seit vielen Jahren zwischen Spardiktat und Leistungsausweitung, während sie tapfer beteuert, dass genug Medizin für alle da ist. Arzt und Patient müssen es ausbaden, bereits heute. Kein Wunder, dass sich die beiden immer weniger verstehen. Mittlerweile streiten niedergelassene Onkologen mit Kliniken um die Behandlung Sterbenskranker. Krankenhäuser setzen fragwürdige Operationen an, nur um selbst am Leben zu bleiben. Die Pharmaindustrie interveniert beim Minister, weil sie erstmals über die Preise für teure neue Medikamente mit den Kassen verhandeln soll. Gesundheitsminister Daniel Bahr lobte sich kürzlich selbst dafür, dass er 20 bürokratische Regelungen für Ärzte gestrichen hat. Es gibt kleine Aufgaben zu erledigen und große Herausforderungen zu stemmen. Bahr konzentriert sich bislang auf ersteres.

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Artikel vom 27.01.2012 - 20.48 Uhr
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