Niemand, der in einer Kapsel um die Welt düst, ist „im Himmel“, und er findet bestimmt auch keinen bärtigen alten Mann vor, den sie dort oben Gott rufen. Wenn nun Wissenschaftler nach jahrzehntelanger Suche behaupteten, sie hätten das „Gottesteilchen“ gefunden, dann hat dies weder mit der kindlichen Vorstellung vom Gott im Himmel etwas zu tun noch mit den gedankenschweren Gottesbeweisen der Theologen und Philosophen. Auch wenn es sich bei der Entdeckung im Kernforschungszentrum in Genf tatsächlich um eine Jahrhundertentdeckung handelt, wir sind in dieser Woche einem Existenzbeweis für Gott keinen Schritt näher gekommen.
Die Entdeckung des Higgs-Bosons erfüllt einen Menschheitstraum. Wir wollen wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wir wollen wissen, woher wir kommen und warum wir sind. Religiöse Menschen haben darauf eine Antwort, übrigens auch eine Antwort auf die letzte aller Fragen, wohin wir gehen. Jetzt sieht es so aus, als sei das Universum für alle, die Gläubigen wie Ungläubigen, aufgeschlossen: Wir wissen nun mit noch größerer Sicherheit als je zuvor, wie sich in den Millisekunden nach dem Urknall die Energie gebündelt hat, und wie Elementarteilchen ihre Masse erhalten haben.
Das „Gottesteilchen“ könnte, folgt man den Ausführungen der Kernphysiker, das letzte Bindeglied sein, das zum Verständnis der Welt noch gefehlt hat: Sie haben gesehen, was nach dem Urknall geschehen ist. Diese Lehre vom Urknall ist unwiderlegt, sie passt jedenfalls besser in unsere aufgeklärte Zeit als die biblische Vorstellung vom wohlmeinenden Gott, der am Anfang Himmel und Erde, Licht und Dunkel, Flora und Fauna und zuletzt den Menschen als Krone seiner Kunst erschuf. Das glauben wir – so buchstabengetreu wie es im Buch Genesis steht – längst nicht mehr, weil wir Theorien und immer wieder auch Beweise von Physikern, Chemikern, Astronomen, Biologen, Mathematikern darüber vorgelegt bekommen haben, wie über Milliarden von Jahren aus der Ursuppe der Materie das uns bekannte Universum wurde.
Dass die Wissenschaftler das vermutlich letzte noch fehlende Glied in der Erklärungskette „Gottesteilchen“ genannt haben, ist eine nette Verbeugung vor dem Allmächtigen, aber zugleich auch eine heftige Übertreibung. Wenn wir wirklich wissen wollen, woher wir kommen und weshalb wir sind, dann müssen wir hinter die Frage zurückgehen, was nach dem Urknall passiert ist. Die entscheidende Frage lautet doch, was ist in der Millisekunde vor dem Urknall war – in dem Bruchteil von Zeit zwischen dem Nichts und dem Sein. Mithilfe immer feinerer Rechenmodelle, mit immer größeren Forschungstunneln im Gebirgsgestein und mit immer gewaltigeren Beschleunigern werden wir vielleicht eines Tages jenes bedeutsame und ach so flüchtige Teilchen festhalten können, das uns die Entstehung von Masse erklärt. Aber das Rätsel, wer oder was damals vor Abermilliarden Jahren den Schalter umgelegt hat, bleibt bestehen – für Religiöse wie Rationalisten. Ewige Wahrheiten wird der Mensch nicht finden, es sei denn, er lässt sich darauf ein, dass Gott existiert.
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