Kommentar
Von Jörg Kallmeyer
Heute der Star, morgen ein Depp: Karrieren in der Politik können atemberaubend steil nach oben führen, das Scheitern aber kommt immer häufiger unverhofft, und die Fallhöhe ist groß. Gern wird die Politik daher als besonders hartes Geschäft beschrieben. Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) etwa beruft sich darauf. Der Verzicht des US-Exilanten auf eine Rückkehr in den deutschen Politikbetrieb soll diesen als gnadenlos erscheinen lassen. Ist in Berlin kein Platz für einen geläuterten Weltmann? Wenn Guttenberg diesen Eindruck vermitteln will, dann zeigt dies nur, dass er aus seiner Geschichte nichts gelernt hat.
Die Politik kennt sehr wohl die zweite Chance – weit ausgeprägter sogar als etwa die Wirtschaft. Karl-Theodor zu Guttenberg, einst Deutschlands beliebtester Politiker, hat seine zweite Chance vorerst selbst verwirkt. Um zu verstehen, was der Ex-Verteidigungsminister falsch gemacht hat, sollte man sich die Erfahrungen seiner Parteifreundin Monika Hohlmeier ansehen. Die Tochter des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß war auch einmal ein Shootingstar in der CSU. Regierungschefin hätte die resolute Kultusministerin werden können – und dann vielleicht ein Amt in Berlin? Der tiefe Fall kam, als ihre Verwicklung in die Affäre um „gekaufte“ Stimmen in der Münchner CSU bekannt wurde. Hohlmeier verlor Amt und Posten. Ein Mandat im Europäischen Parlament war der Anker; zwei Jahre lang zieht die CSU-Politikerin nun mit Vorträgen über EU-Umweltrichtlinien durch die Provinz. Sie kommt ohne eigenen Fahrer, spricht vor 30 Interessierten. In der Partei kommt das an. Offen spricht man in der CSU vom Comeback der Monika Hohlmeier, der Rückkehr in den Landtag soll nichts mehr im Wege stehen. Ihre zweite Chance hat sich Hohlmeier, so altmodisch das klingt, mit Demut erarbeitet. Wer nach einem tiefen Fall in die Politik zurückkehren will, der muss sich den Aufstieg verdienen.
Auch Cem Özdemir war sich nicht zu schade für die „Ochsentour“. Der Vorzeige-Migrant der Grünen erlebte seinen Absturz, als vor neuneinhalb Jahren bekannt wurde, dass er dienstlich erworbene Bonusmeilen privat genutzt hatte. Der Privatkredit eines PR-Beraters lieferte den Stoff, aus dem auch heute – siehe Christian Wulff – die Affären gewoben sind. Özdemir gab sein Bundestagsmandat ab, ging zum Nachdenken in die USA. Er hielt ein Jahr lang Vorträge – und kehrte, wie Hohlmeier, über das Europäische Parlament in die deutsche Politik zurück. Der Lohn für schwäbischen Fleiß: ein Mandat im Bundestag – und schließlich der Parteivorsitz.
Bundespräsident Wulff setzt immer noch darauf, eine zweite Chance noch vor dem Sturz zu bekommen. Ihn hält die Hoffnung im Amt, die Affären der Vergangenheit durch Alltagspräsenz vergessen zu machen. Dass das gelingt, ist fraglich nach einer Woche, in der bekannt wird, dass der Staatsanwalt gegen den engsten Wulff-Vertrauten ermittelt.
Guttenberg hat den Sturz hinter sich. Und fast wirkt es so, als habe er beim Wiederaufstehen versucht, die Geschichten anderer Rückkehrer zu kopieren: private Auszeit, Vorträge in den USA, Auftritt in Brüssel – das Muster ist bekannt, die Inhalte aber blieben aus. Guttenberg hat nie eine Spur von Demut gezeigt. Er hat auch nie den Eindruck vermitteln können, sich das Comeback durch harte Arbeit zu verdienen. Als er die deutschen Politiker über den Atlantik hinweg kollektiv für unfähig erklärte, war die Grenze überschritten. Wer sich selbst ins Abseits stellt, der darf sich nicht wundern, wenn sich am Ende niemand mehr um ihn schart.
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