Bückeburg

„Wir werden ihn fit machen für die Infanterie“

Bückeburg (rc). „Er wird teurer. Es wird länger dauern: Er erfüllt zunächst einige Spezifikationen nicht, wir haben noch einiges zu tun. Aber der NH90 fliegt und wird für Einsätze uneingeschränkt geeignet sein.“ Mit diesen Worten hat der General der Heeresflieger, Brigadegeneral Reinhard Wolski, auf Presseveröffentlichungen aus einem internen Bericht der Bundeswehr reagiert, dass der neue Transporthubschrauber nur bedingt einsatzfähig und ein Milliardengrab sei. Der Bericht gipfelt in der Empfehlung: „Wann immer möglich, sind alternative Luftfahrzeuge zur Verbringung von Infanteriekräften zu nutzen.“ Der General: „„Wir werden ihn fit machen für die Infanterie.“

In einem Gespräch mit unserer Zeitung erläuterte der General gestern in Bückeburg die Beschaffung und die Prüfungen, die im Zusammenhang mit dem hoch komplexen Rüstungsprojekt stehen. Es gebe die Schwierigkeit, dass der Bau des Hubschraubers schon in Serie gefertigt wird. Aber gleichzeitig läuft noch die Entwicklung, auch weil mehrere Nationen den NH90 mit unterschiedlichen Anforderungen bestellt haben. Und stellte klar: „Der NH90 wird sicher geflogen, wir haben die Verkehrszulassung bekommen und es geschafft, den ersten Hubschrauber, der nicht mehr mechanisch, sondern elektronisch gesteuert wird, in die Luft zu bringen.“

Zu den in dem Bericht erwähnten Mängeln räumte der General ein, dass es sie gibt. Derzeit befinde man aber sich in der sogenannten „Deltaphase“, in der abgeglichen werde, was bestellt worden sei, und was tatsächlich geliefert worden ist. Die bei den Einsatz- und Truppenprüfungen – „eine sehr komplexe Angelegenheit“ – festgestellten Abweichungen würden in sehr engem Dialog mit der Industrie abgestellt und behoben.

So werden zum Beispiel die nächsten NH90, die in den kommenden Monaten an die Heeresflieger ausgeliefert werden, bereits einen neuen Boden haben und eine Rampe, die den Belastungen beim Be- und Entladen gewachsen ist. Der Boden sei neu konstruiert worden. Er habe nun Ösen, um Material festzurren zu können. Außerdem erhalte er einen neuen Schutz gegen ballistischen Beschuss. „Wir mussten an die Zellstruktur heran“, räumte General Wolski ein, dass die Neukonstruktion nicht ganz einfach war und ist. Auch dies habe zu den erheblichen Verzögerungen bei der Umsetzung des Projektes geführt.

Zur bemängelten Bodenfreiheit des NH90, die den Einsatz des Hubschraubers in umwegsamem Gelände nach dem Bericht fast unmöglich machen soll, sagte der General, dass er den NH90 selbst geflogen habe und keinerlei Probleme gehabt habe: Und: „Ich bin auch schon mit dem Fallschirm aus dem NH90 gesprungen, wenn auch im Freifall.“ Auch für den Bordschützen sei genug Platz vorhanden.

Dass die Sitze nur für ein Gewicht von 110 Kilo ausgelegt worden seien, sei im übrigen ein Fehler der Stelle, die den internen Bericht geschrieben hat, der Luftlande-Lufttransportschule. Er sei seinerzeit Leiter der Gruppe Weiterentwicklung gewesen und habe selbst die Wünsche der Infanterie in die Anforderung an die Industrie geschrieben. „Da ist von der Bundeswehr ein Fehler gemacht worden.“ Insgesamt, so Wolski, sei der NH90 ein Nachfolger des Transporthubschraubers Bell und in seiner Größe nicht mit dem mittleren Transporthubschrauber CH-53 zu vergleichen: „Da haben die Soldaten Kopffreiheit, beim NH90 nicht.“

Der General der Heeresflieger rechnet damit, dass der NH90 im Jahr 2013 einsatzbereit sein wird; eine zeitliche Verzögerung von vier bis fünf Jahren. Die ursprüngliche Planung hatte vorgesehen, im Jahr 2009 bereits 70 NH90 an die Heeresflieger zu übergeben. Derzeit sind es 13 Exemplare, von denen zwölf in Achum auf dem Platz stehen. Insgesamt will die Bundeswehr 120 NH90 kaufen: 80 Exemplare für die Heeresflieger, 40 für die Luftwaffe. Die Kosten des Gesamtprojektes belaufen sich auf 4,6 Milliarden Euro.

Wie Wolski sagte, habe sich die Heeresfliegerwaffenschule inzwischen zum Kompetenzzentrum für den NH90 entwickelt. Andere Nationen würden nach Bückeburg kommen, um die hier gewonnenen Erfahrungen an die von ihnen ausgelieferten Exemplare zu übertragen. „Ich bin stolz auf die Männer und Frauen, Soldaten wie Zivilisten, die sich diesen Herausforderungen stellen und die Aufgaben bewältigen.“ Es sei eine große Herausforderung, die viel Kraft kostet. „Wir gehen diesen Weg: Wenn es einer in den Griff bekommt, dann sind es die Achumer Techniker.“

Übrigens: Die Exemplare der Vorserie werden im „Retrofit“-Verfahren zurück an die Industrie gehen und auf den Stand der Serie gebracht – auf Kosten der Industrie. Gebaut wird der NH90 von dem dafür gegründeten Konsortium NH Industries, an dem unter anderem der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS über seine Tochter Eurocopter beteiligt ist.

Ein NH90 der Heeresflieger am Luhdener Klippenturm: Bis 2013 sollen alle Mängel behoben sein, die derzeit in der sogenannten „Deltaphase“ abgeglichen werden und in einem internen Bericht der Bundeswehr aufgeführt worden sind.

Foto: tol

Artikel vom 05.03.2010 - 23.00 Uhr
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