Kultur

Die Lebendigkeit des fixierten Augenblicks
Von Klaus Zimmer

Hannover. Es war der zukunftsfrohe Impetus, der am Beginn des 20. Jahrhunderts die Jugend Europas verband mit dem Ziel, das Ufer, an dem man stand, zu verlassen. Und es war der Beginn der Geschichte des Expressionismus in der Bildenden Kunst. Vier Architekturstudenten, der Älteste 25 Jahre, hatten sich, geprägt durch den Antagonismus und kritischen Geist der Jugend, 1905 in Dresden zu einer Gruppe zusammengeschlossen, weil sie sich vom Akademismus dieser Zeit lösen wollten. Unverfälscht wollten sie das wiedergeben können, was den Künstler zum Schaffen drängt.

Für die Gründer der „Brücke“ – Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Fritz Bleyl, und Karl Schmidt-Rottluff, (1906 wurden auch Max Pechstein, Emil Nolde und Cuno Amiet Mitglieder der Gruppe) – ging es nicht nur darum, die Kunst vom Ballast der Tradition zu befreien. Sondern ihr Anliegen war es vor allem, die engen Grenzen der bürgerlichen Lebensweise und Moral abzuschütteln. Kunst und Leben wollten sie, nach dem Ideal des Jugendstils, in sinnliche Harmonie bringen.

So wurde der in „freier Natürlichkeit“ studierte Akt auch als Gegensatz zur Akademie und ihrem erstarrten Posieren empfunden, und damit zu einer der wichtigsten künstlerischen Grundlagen für die Mitglieder der „Brücke“. Diese angestrebte Unbefangenheit und Freiheit in der Bewegung fanden sie schließlich bei den zwei jugendlichen Modellen Fränzi und Marcella.

Im Zentrum des gestalterischen Handelns der Brücke-Maler stand der weibliche Akt. Vor allem an den Moritzburger Teichen zeichneten oder malten Heckel, Kirchner und Pechstein in „schneller Handschrift“ Fränzi und Marcella. Man einigte sich bald auf den Viertelstunden-Rhythmus, um die lebendige Bewegung des Kindes erfassen zu können. Der zu langsamen Farbtrocknung begegnete man mit verdünnten Farbmischungen. So entstanden Zeichnungen, Gemälde, Holzschnitte und Lithos in einer für diese damalige Zeit ungewohnten expressiven Handschrift und vor allem in einer nie so gesehenen Lebendigkeit des fixierten Augenblicks.

Anhand der mehr als 160 Werke in der Ausstellung wird aber auch der Einfluss beleuchtet, den die Persönlichkeit der Modelle und ihre posierende Unbekümmertheit auf den Stil und die Kunst der Maler hatten. Nach Jahren intensiver Forschung konnte man nun auch die vollständigen Namen erfahren: Fränzi Fehrmann (geboren am 11. Oktober 1900 in Dresden) und Marcella Sprentzel (geboren am 15. Dezember 1895 in Dresden-Antonstadt).

Die Ausstellung – kuratiert von Dr. Norbert Nobis – ist bis zum 9. Januar im Sprengel Museum zu sehen, der Katalog kostet 24 Euro.

Artikel vom 30.08.2010 - 16.04 Uhr
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