Obernkirchen
Der gleiche Himmel, aber nicht der gleiche HorizontEin selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden – das wünschen sich Senioren. Über den richtigen Weg wird im Beirat kontrovers diskutiert. Unser Bild entstand beim Seniorennachmittag der Stadt in Gelldorf. Foto: rnk
Obernkirchen (rnk). Es ist offenkundig ein Missverständnis, das im Beirat für Behinderte und Senioren die Debatte bestimmt: Robert Rammelsberg möchte als Vorsitzender des Sozialverbandes seine Ziele vorstellen, Albrecht Stein als Vorsitzender des Beirates möchte dagegen lieber über den Antrag sprechen, den Rammelsberg eingebracht hatte und der sich mit der Zukunft des Seniorenservice-Büros befasst. Beide leben in dieser Sitzung unter dem gleichen Himmel, haben aber einen völlig anderen Horizont: Rammelsberg richtet den Blick in die weite Zukunft, ist eher visionär, Stein dagegen betrachtet die Zahl der Beirats-Mitglieder und orientiert sich daran, was sie leisten könnten, er ist eher stationär.
Die schrumpfende Bevölkerung im Landkreis, der steigende Anteil älterer Menschen, der spätere Berufseintritt und der frühere Rentenbeginn, die kürzere Lebensarbeitszeit und die sinkenden Beiträge zu den Sozialsystemen – Rammelsberg entwarf ein düsteres Szenario, dem sich – nicht nur – die Stadt zu stellen habe. Als weitere Probleme sah er die „Rentenlüge“ (wer menschenwürdig und angemessen im Alter leben wolle, müsse immer mehr aus eigener Tasche zubuttern), die „Gesundheitslüge“ (man spreche beispielsweise nicht über Demente oder die psychischen Probleme, die Arbeit und Stress sowie die Angst vor der Zukunft auslösen) und die „Pflegelüge“: Mangel an Fachkräften, geringe Bezahlung, sinkende Qualität, menschenunwürdige Pflege in manchen Heimen. Obernkirchen schloss Rammelsberg hier ausdrücklich aus: Die Altenheime hätten einen guten Ruf. Rammelsberg möchte mit dem Sozialverband die Hilfe zur Selbsthilfe“ organisieren. Es ist eine lange Liste, die er verfasst hat, aber das weiß er selbst: „Wir fangen ganz klein an und werden am Bedarf wachsen“, sagt er: Alle Bürger, Menschen, Institutionen, Politik und Wirtschaft aus Obernkirchen sind eingeladen, um die Liste umzusetzen: Es sollen Begegnungen ermöglicht werden, bei Kaffee, Klönen und Spielen; Fahr- und Begleitdienste werden organisiert, dazu werden Partnerschaften entwickelt und unterstützt. Ein umfangreiches Beratungsnetz wird aufgebaut, in dem der Sozialverband, der Fachdienst Altenhilfe oder die Schuldnerberatung Wissen und Erfahrung weitergeben. Aufzubauende Netzwerke, gemeinschaftliches Wohnen, die Entlastung von pflegenden oder betreuenden Angehörigen fehlen auf der Liste des Vorsitzenden ebenso wenig wie Beratung und die Vermittlung von Unterstützung für die Pflegenden. Damit könne der Vereinsamung älterer Menschen begegnet werden, damit sie möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden führen könnten. Zudem werde Verständnis zwischen Jung und Alt erzeugt. Rammelsberg: „Wir können warten, bis die kommende soziale Walze uns überrollt – oder jetzt anfangen.“
Das alles, so meinte Albrecht Stein, „sind Probleme der großen Politik.“ Und: „Wir sind im Beirat sieben Mann. Davon sind dreieinhalb berufstätig und die übrigen dreieinhalb können das nicht leisten. Wir sind in allererster Linie für die Senioren und Behinderten da.“ Alles Weitere würde die eigenen Möglichkeiten bei Weitem überschreiten.
Inhaltlich verwies Stein darauf, dass man bereits heute bei den Beirats-Sprechtagen im Rathaus auf Fachleute aus dem Landkreis zurückgreifen könne, etwa bei der Rentenberatung. Hella Hespe schlug anschließend einen Roten Faden für Senioren vor, Bürgermeister Oliver Schäfer berichtete, dass der Stadt vom Roten Kreuz ein behindertengerechter Raum im Bornemann-Gebäude für städtische Zwecke kostenlos zur Verfügung gestellt werde: „All diese Dinge könnten hier einen Platz finden, Arbeiterwohlfahrt, Caritas oder die Schuldnerberatung könnten hier ihre Dienste anbieten.“ Hella Hespe regte für die Raumnutzung die Festanstellung eines Helfers an, ehrenamtlich sei das schwer zu leisten. Sie verwies auf die Lokalen Bündnisse: Dort, wo sich eine festangestellte Kraft um die vielen Aufgaben kümmere, dort seien in Deutschland auch die aktivsten Bündnisse zu finden.