Reportage
„Unsere Zeela darf nicht sterben“Hofft, dass sie überleben wird: Die 23-jährige Zeela hat schon zwei Chemotherapien in der Medizinischen Hochschule Hannover bekommen. „Die Behandlung schlägt an. Wir sind guter Hoffnung“, sagt ihr Arzt, Prof. Dr. Arnold Ganser. Foto: Juan Selay
Von Ulrich Behmann
Sie haben alles verkauft, was sie besaßen – Haus, Hof, die Möbel und den Schmuck. Sie wollen, dass ihre Tochter überlebt. „Zeela darf nicht sterben“, sagt ihre Mutter Juan Jalal Khorsheed. Tränen laufen der 54-jährigen Kurdin aus dem Nordirak über die Wangen. Eilig verlässt sie das Zimmer, denn Zeela soll sie nicht weinen sehen. Die junge Frau hat Krebs. Ohne Behandlung wird sie sterben. Dass der Tumor, den sie in ihrem Körper trägt, bösartig ist, weiß die Lehrerin für Physik nicht. „Wir haben es ihr nicht gesagt, weil wir Angst haben, dass sie sich dann aufgeben wird“, sagt die Mutter mit rotgeweinten Augen.
Zeela wird von Prof. Dr. Arnold Ganser, Direktor der Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation der Medizinischen Hochschule in Hannover behandelt. Gansers Team hat in der vergangenen Woche bereits die zweite Chemotherapie durchgeführt – sie soll den Lymphknotenkrebs weiter bekämpfen und die alles vernichtenden Zellen abtöten. Erst nach einer dritten Therapie folgt eine Knochenmarktransplantation. Die Ärzte in Hannover haben Zeela bereits vor Beginn der Behandlung Blut abgenommen und daraus unzählige nicht befallene Stammzellen gewonnen. Das bedeutet: Für Zeela muss nicht erst ein genetischer Zwilling gefunden werden, der als Spender in Frage kommt. Die 23-Jährige kann sich die lebensrettenden Stammzellen selbst spenden, weil die bösartigen Krebszellen bei der Hodgkin-Krankheit nicht ins Blut ausschwemmen. „Der Krebs, an dem die Patientin leidet, ist heilbar. Die Wahrscheinlichkeit beträgt 60 Prozent. Das ist extrem gut“, sagt Prof. Dr. Helmuth Schmidt, Chefarzt der Hamelner Spezialklinik für Hämatoonkologie und Leiter des Knochenmarkentnahmezentrums am Kreiskrankenhaus an der Weser, der unsere Zeitung bei ihren Recherchen als Experte unterstützt hat.
70 000 Euro kostet die Rettung der jungen Frau. Das ist viel Geld. „Unsere Familie macht alles zu Geld, was wir besitzen“, sagt ihr Onkel Jamal Saley, ein Bauingenieur, der vor 15 Jahren mit seiner Familie vor den Schergen des damaligen Diktators Saddam Hussein geflohen ist. 16 000 Euro haben die Verwandten schon durch Notverkäufe zusammenbekommen. So konnte wenigstens die lebensrettende Behandlung begonnen werden.
Im November hat Zeela ihren Traummann geheiratet. Es war eine Liebesheirat, erzählt Mutter Juan Jalal Khorsheed. Zeela und Rasper hatten sich während des Studiums kennengelernt. Die Hochzeit sei traumhaft schön gewesen. Bereits vor der Trauung war dem Bräutigam bekannt, dass seine Zeela schon einmal an Krebs erkrankt war. Die Krankheit galt als besiegt.
Zeela nahm eine Stelle an einer Mittelschule in Erbil an. Anfang des Jahres wurde sie schwanger. Das Paar freute sich so sehr auf ihr erstes Kind. Das Glück schien perfekt. Im Februar fühlte sich die angehende Mutter plötzlich schlecht und kraftlos. Sie hatte Glück, dass Fachärzte, die vor dem Krieg von Bagdad in den Norden nach Erbil geflohen waren, sie untersuchten. Die Spezialisten stellten fest, dass Zeela einen Rückfall erlitten hatten. Der Krebs war zurückgekehrt. Die Diagnose teilten sie nur den Eltern der jungen Frau mit. Mutter Juan und Vater Thulfiqar waren geschockt. „Wir haben unserer Tochter nicht die Wahrheit gesagt“, erzählt Juan. „Sie hätte vielleicht ihren Lebensmut verloren.“ Und so erzählte man Zeela, dass sie einen gutartigen Tumor hat.
Die irakischen Ärzte rieten der Familie, zu den Verwandten nach Deutschland zu reisen. Die Medizin in der Hochschule Hannover sei auf dem allerneuesten Stand, sagten sie. „Das Gesundheitswesen im Irak ist nach den Wirren des Golfkrieges alles andere als intakt“, sagt Reinhold Marx, Geschäftsführer des Caritas-Verbandes Hameln-Holzminden. Marx kennt Zeelas in der Weserstadt lebende Familienangehörige schon seit vielen Jahren. Er kann nur Gutes über sie berichten. „Es sind feine Leute“, sagt Marx. „Fleißig, ehrlich und herzensgut.“ Zeelas Onkel Jamal Selay, der Bauingenieur, schuftet in einem Schnellrestaurant. Auch seine Frau Juan (47), ehemalige Mitarbeiterin des Wirtschaftsministeriums in Bagdad, arbeitet dort als Kassiererin. „Wir wollen den Deutschen nicht auf der Tasche liegen, nehmen jede Arbeit an, die uns angeboten wird“, sagt der 56-Jährige.
Am 22. und 23. März wurde Zeela in der Medizinischen Hochschule untersucht. Die Frauenärzte führten umgehend einen Schwangerschaftsabbruch durch. „Zeela hatte keine Wahl. Ohne Chemotherapie wird sie sterben. Sie hätte nicht einmal mehr die Geburt ihres Kindes erlebt“, sagt Marx – und fügt erklärend hinzu: „Chemotherapie und Schwangerschaft sind miteinander nicht vereinbar.“
Der Verlust ihres Babys schmerzt Zeela sehr. „Sie ist zusammengebrochen, hat tagelang geweint“, sagt die Mutter. „Meine Tochter liebt Kinder über alles. Deshalb ist sie Lehrerin geworden.“ Wieder bricht Juan Jalal Khorsheed in Tränen aus. Sie muss an ihren Sohn denken. Er ist nur zehn Jahre alt geworden. Beim Spielen sei sein Neffe Zrian unglücklich auf den Kopf gefallen, erzählt Onkel Jamal Saley. „Bitte, bitte, lieber Gott“, fleht die Mutter, „nimm’ mir nicht noch ein Kind weg.“
Zeelas Verwandte hoffen auf ein Wunder. „Im Weserbergland“, sagt ihr Onkel Saley, „gibt es viele Leute, die ein großes Herz haben für Menschen in Not“. Spenden könnten die junge Irakerin vor dem Tod retten. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, fügt der Hamelner mit leiser Stimme hinzu. Jamal Saley schämt sich, um Hilfe bitten zu müssen. „Ich tue das für Zeela“, sagt er. „Sie darf nicht sterben.“
Spendenkonto beim Caritas-Verband Hameln-Holzminden: Konto 4004339 bei der Stadtsparkasse Hameln (BLZ 25450001).
Ein Bild aus glücklichen Tagen: Zeela und Rasper haben im November geheiratet.