Bückeburg
Druckansicht

Wenn der Altkleiderkorb vor der Haustür steht…

Droht Hauskatzen Gefahr durch organisierte Tierfänger? / Im Internet wird viel gewarnt / Polizei: Keine Beweise

Bückeburg. Alarmstimmung für viele heimische Katzenbesitzer: In zahlreichen Straßen Bückeburgs sind in den vergangenen Tagen wieder blaue und rote Wäschekörbe aufgetaucht, versehen mit einem Hinweiszettel, darin Altkleider oder ausrangierte Schuhe abholen zu lassen. Und mit ihnen die bange Frage: Droht meinem Haustier Gefahr? Berichte über Tierfänger, die unter dem Deckmantel von Altkleidersammlungen auf Katzenfang gehen, sind mittlerweile Legion und werden seit Jahren im Internet und über die Medien verbreitet. Vor allem, wenn sich in einer Gegend vermisste Haustiere häufen, sind die Meldungen von den Altkleidersammlern nicht weit. Und stets ist in den Berichten von weißen Kleintransportern die Rede. Mittlerweile kennt jeder mindestens einen, der jemanden kennt, der jemanden kennt, dem schon einmal eine Katze während einer Altkleidersammlung entwendet wurde. Doch ist an den Geschichten etwas dran? Oder handelt es sich nur um einen seit Jahren aufgebauschten Internet-Hoax, eine urbane Legende, vergleichbar den Alligatoren in der New Yorker Kanalisation oder den Rasierklingen in Halloween-Süßigkeiten?

Laut dem Zentralen Haustierregister Tasso verschwinden pro Jahr rund 300 000 Katzen in Deutschland. Und das Internet strotzt nur so vor Warnungen vor Altkleidersammlungen. „Es existieren konkrete Beweise, dass im Zuge dieser Sammlungen ausspioniert wird, in welchen Haushalten sich Katzen befinden“, heißt es wörtlich auf der Internetseite des Tierschutzvereins Gütersloh. „Mit Einsammlung der Kleiderspenden und/oder in den Tagen danach verschwinden dann die Tiere.“ Der Verein rät: „Achten Sie auf Wagen mit ortsfremden Kennzeichen. Notieren Sie sich diese Kennzeichen und melden Sie sie der Polizei. Geben Sie so konkrete Hinweise wie möglich. Halten Sie ihre Katze(n) nachts und in den frühen Morgenstunden im Haus! Warnen Sie ihre Nachbarschaft!“ Und die Seite www.tierdiebstahl.de listet akribisch eine Vielzahl von Presseartikeln über Fälle von Katzendiebstählen in den vergangenen zehn Jahren auf, in denen ebenfalls immer wieder von Wäschekörben und Kleidersammlungen die Rede ist.

Gegner der Tierklau-Theorien, unter ihnen auch der Deutsche Tierschutzbund, führen immer wieder ins Feld, dass sich der massenhafte Diebstahl von Katzen oder Hunden aus Wohngebieten in Deutschland überhaupt nicht lohne, schließlich seien solche Tiere aus Osteuropa oder Asien für wenige Cent zu bekommen. Ihre Behauptung, es sei noch nie ein Tierfänger auf frischer Tat ertappt worden, stimmt jedoch nicht: Tatsächlich geriet im September 2006 ein polnischer Kleintransporter im niedersächsischen Schneverdingen in eine Polizeikontrolle, in dessen Laderaum sich 14 Jungkatzen fanden, die zuvor im Raum Hamburg entwendet worden waren. Und 1997 ging in München ein Tierfänger der Polizei ins Netz, der 72 gestohlene Katzen in einer Waldhütte versteckt hatte.

Allzu seriös scheint die derzeit in Bückeburg laufende Sammelaktion auch nicht gerade zu sein. Auf den Hinweiszetteln findet sich kein verwertbarer Hinweis, was genau mit den gesammelten Kleidern und Schuhen geschehen wird. Als Verantwortlicher für die Sammlung wird ein Unternehmen namens „Textilhandel Chahrour“ genannt. Eine vollständige Adresse fehlt, unter der angegebenen Handynummer meldet sich nur eine Mobilbox.

Vor genau drei Jahren sorgte das Verschwinden zahlreicher Katzen im Zuge einer gleichzeitig stattfindenden Altkleidersammlung für eine regelrechte Hysterie im Landkreis Schaumburg. „Dreiste Tierfänger im Stadtgebiet unterwegs“, titelte unsere Zeitung, und viele Leser meldeten sich, denen Tiere abhandengekommen waren. Von bis zu 40 verschwundenen Katzen war die Rede. Auf Druck der Bevölkerung überprüfte die Stadthäger Polizei mehrfach die Fahrzeuge der Altkleidersammler. Dabei hätten sich keinerlei Hinweise auf Tierfängerei ergeben, erklärte der Sprecher der Polizei, Axel Bergmann, anschließend gegenüber der Presse.

Zurzeit werden dem Bückeburger Tierheim keine vermehrten Fälle vermisster Katzen gemeldet. Auch die Vorsitzende des Tierschutzvereins Bückeburg-Rinteln, Monika Hachmeister, sieht bislang keinen hieb- und stichfesten Nachweis für einen organisierten Katzendiebstahl unter der Maske von Altkleidersammlungen, rät aber generell zu erhöhter Vorsicht und Aufmerksamkeit, insbesondere aus der Erfahrung der Vorfälle vor drei Jahren. Auffällig sei damals vor allem gewesen, dass nahezu ausschließlich rote und dreifarbige Katzen verschwunden sind, so Hachmeister. „Es wäre daher schön, wenn auch Nicht-Katzenbesitzer etwas wachsamer wären. Das Thema Haustierdiebstahl geht uns alle an.“

Dr. Ilka Niemeier aus Vehlen gehörte im August 2009 zu den Opfern des massenhaften mutmaßlichen Katzenklaus. Ihre dreifarbige Katze Nanni verschwand just an dem Tag, als vor ihrem Grundstück ein blauer Plastikwäschekorb auftauchte, um darin Altkleider und Schuhe für einen Verein mit dem Namen „Quo vadis“ zu sammeln. Dieser „Verein für Jugend- und Altenhilfe e.V.“ mit Sitz im baden-württembergischen Esslingen ist kein Unbekannter: Sein Name taucht im Internet häufig im Zusammenhang mit Tierdiebstählen auf.

Der Verlust sitzt der Vehlenerin bis heute in den Knochen. Auch wenn ein Beweis fehlt, Ilka Niemeier hat ihr Urteil über die Altkleidersammlungen gefällt: „Diese Plastikkörbe kommen mir nicht mehr auf das Grundstück!“ Weswegen ihr Ehemann Marco vor wenigen Tagen einige Altkleidersammler, die wieder einmal derartige Körbe verteilen wollten, des Grundstücks verwies, worauf diese sehr rüde und aggressiv reagiert haben sollen. Für Ilka Niemeiers neue Katze gilt daher auch: „Sobald irgendwo solche Wäschekörbe auftauchen, bleibt sie im Haus.“

Die derzeit in Bückeburg verteilten Wäschekörbe

beunruhigen viele Besitzer von Katzen. Sie befürchten, dass ihr Tier Opfer von Tierfängern wird.

Fotos: jp

Die Hinweisschilder in den Körben weisen keine vollständige Firmenadresse auf.

Artikel kommentieren
















Kinotrailer
e-Paper
Online Service-Center


© C. Bösendahl GmbH & Co. KG