Eilsen

„Siegfrieds Frauen“: forsch, feminin und zu allem fähig

Antonia Hoebbel als Königin Bruenhild – herausragend!

Bad Eilsen/Bückeburg (vhs). Große Namen prägen die Besetzungsliste der Nibelungenfestspiele zu Worms: Mario Ardorf, Sonja Kirchberger, Maria Schrader… Deutsche Mythen, die kann man nicht Bayreuth allein überlassen und noch weniger den echten Rechten. „Siegfrieds Frauen“, eine Auftragsarbeit von Moritz Rinke, scheint kein leichter Brocken zu sein, kein dem Zeitgeist geschuldetes Theaterspektakel. Mutig, wer dieses Werk voller Anspielungen auf Sagenwelt und Weltgeschichte mit einem Schülerensemble auf die Bühne bringt. Großartig, wie Johannes Seiler und seine Theatergruppe aus dem Gymnasium Adolfinum diese selbst gestellte Aufgabe im Kurtheater Bad Eilsen in den Tagen des „Schaumburger Friedens“ meisterten.

„Ich kriege keine Luft in diesem Land!“, klagt Kriemhild, die junge Burgunderin. Janine Hoppe lässt in der Rolle der Königsschwester von Szene zu Szene deutlicher werden, dass es nicht mehr nur um egomanische Zickigkeit und Eros geschuldete Frauenlaunen geht. Was wie eine Parodie auf höfische Prinzensucherei beginnt, wird zur wortgewaltigen Auseinandersetzung über Glücksverheißungen, Lebenskrisen und Sinnsuche. Man ist entfesselt. Bestes Sprechtheater wird geboten, Wort für Wort, Tirade auf Tirade, Sentenz für Sentenz. Antonia Hoebbel gibt als isländische Königin Bruenhild eine Eisheilige, die körperlich glüht und verbal Eis versprüht. Anna-Lena Suchland weiß ihr als Isolde stimmsicher und standfest Parolie zu bieten, Vulkanasche geht nieder in rheinischen Gefilden.

Wo Frauen so schwertscharf das Wort führen und so prall ihre Rollen füllen, bedarf es besonderer Mittel, um die Herrlichkeit der Männer in Szene zu setzen. Rinke variiert, Seiler pointiert, ihr Herrenaufgebot reicht vom kasperhaften König Gunther mit Melancholieneigung (Moritz Möller) über einen bewusst überfordert dargestellten Helden Siegfried (Björn Nicolay) bis zum intriganten, gealterten Intellektuellen Hagen (Timo Staaks). Die Brüder Gernot (Vivian Blümel) und Giselher (Alexander Seele) glänzen mal mit lateinischen Zitaten („Quo usque tanden?“), mal mit eigenen Zutaten zum spätburgundischen Literaturmenü, zu dessen Gelingen Mutter Ute (Lisa Naroska) mit ihrem strengen Blick aufs Ganze erheblich beiträgt. Dass nicht nur die Ritter ohne Ausnahme das Schwert zu führen wissen und mit dem Dolch zu morden, versteht sich. Ein wenig Tanz und Tollerei wäre hier eine schöne Variation gewesen angesichts der den Zuschauern nicht wenig Konzentration abverlangenden Textkaskaden. Sarkastisches indessen wurde reichlich aufgetischt: „So viele Männer auf einem Haufen sah ich bisher nur ohne Köpfe!“ Und Roby Maas gab als Bote und Mundschenk einen Komödianten, dessen skurrilen Gesten und Grimassen man sogar noch erheitert folgte, wenn andernorts schon wieder Zeter und Mordio geschrien wurde angesichts des Streits um ganze Völker wie Dänen und Sachsen oder ganze Nächte mit solchen Mannskerlen wie Dämel Blondy, auch Siegfried genannt und eigentlich als (fast) unverletzbarer Drachentöter bekannt. Svenja Moser und Jörn Rugbarth rundeten als Isländerin und Burgwächter eine großartige Leistung des erweiterten Oberstufenensembles ab – Ton, Technik, Maske und Garderobe inbegriffen.

Schmerzhaft wurde deutlich, wie unsinnig es ist, für einen Theaterpädagogen wie Johannes Seiler einen Begriff wie Ruhestand zu beanspruchen. So sprach Christian Spillmann als Vertreter der Schulleitung in seinen Dankes- und Ruhmesworten denn auch von „Unruhestand“, wohl wissend, dass im September noch ein Seiler’scher „Faust“ in Bückeburg zu gewärtigen ist mit anderen hoffnungsvollen Zöglingen des Gymnasiums Adolfinum.

Artikel vom 01.09.2010 - 00.00 Uhr
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