Bückeburg

Mehr Tote durch MRSA-Keime als durch Aids

Bückeburg (wk). Über „Multiresistente Bakterien“, auch bekannt unter der Bezeichnung MRSA, die auf „Methicillin-resistente Staphylococcus aureus“-Bakterien zurückgeht, hat die promovierte Medizinerin und ehemalige Leiterin des Gesundheitsamtes beim Landkreis Schaumburg, Dr. Hedwig Pietsch, in der Begegnungsstätte informiert. Eingeladen zu dem gut besuchten Vortrag mit anschließender Fragerunde hatte die Arbeitsgemeinschaft „Miteinander der Generationen“ des Bündnisses für Familie.

„Jeder Mensch führt einen Zoo auf seiner Haut spazieren“, leitete die Expertin in das Thema ein. Die meisten dieser Bakterien seien aber völlig harmlos, insbesondere solange sie sich außerhalb des Körpers aufhalten. Problematisch werde es indes, wenn Bakterien gegenüber einer Vielzahl an Antibiotika resistent geworden sind und dann etwa über Wunden in der Haut in den Körper gelangen. Da in solch einem Fall mitunter keine wirksamen Medikamente mehr zur Behandlung zur Verfügung stehen, seien schlecht heilende Wunden die Folge, oftmals würden die MRSA-Infektionen auch tödlich enden.

Wissenschaftlichen Erhebungen nach treten in Deutschland alljährlich rund 500 000 Erkrankungen durch multiresistente Bakterien auf, wobei trotz bestmöglicher Intensivmedizin circa 10 000 der betroffenen Patienten sterben, resümierte Pietsch. „Das sind mehr Todesfälle als bei HIV (Erreger der Immunschwächekrankheit Aids, Anmerkung der Redaktion)“.

Als Ursachen für die zunehmende Zahl an multiresistenten Bakterien (die erwähnten Staphylococcus Aureus-Eiterbakterien sind nur eine Art von vielen) nannte sie eine zu häufige, zu intensive, ungezielte und prophylaktische Einnahme beziehungsweise Gabe von Antibiotika sowie eigenmächtiges Abbrechen verordneter Antibiotikatherapien durch Patienten. Faktoren für die Zunahme der MRSA-Erkrankungen seien dagegen die hierzulande gepflegte Praxis, selbst „multimorbide“ (schwerstkranke) Menschen noch großen Operationen zu unterziehen, die zu einer Eintrittspforte für MRSA-Keime werden können, sowie das Nicht-Einhalten von Hygienevorschriften seitens des medizinischen Personals.

Komplettiert werde dies durch eine intensive Reisetätigkeit innerhalb der Bevölkerung, die das Risiko erhöht, mit multiresistenten Bakterien in Kontakt zu kommen. Mit bisweilen fatalen Folgen: In Russland beispielsweise gäbe es keine wirksame Behandlungsmöglichkeit mehr gegen die dort vorkommenden Erreger der Tuberkulose, weswegen dort erkrankte Russen übrigens oftmals medizinische Hilfe in Deutschland suchen würden, verriet die Referentin.

Gefahren lauern laut Pietsch allerdings nicht nur in Krankenhäusern („80 Prozent der MRSA-Keime haben die Patienten mitgebracht“). Infektionen mit diesen Bakterien können sich Menschen auch ambulant („community acquired“) in etwa Fitnessstudios (Stichwort: Duschen) sowie in und durch die landwirtschaftliche Massentierhaltung („lifestock associated“) zuziehen. Dabei rücke die Problematik der Massentierhaltung seit einiger Zeit deshalb vermehrt in den Fokus der Betrachtung, da hier ebenfalls ein übermäßiger Einsatz von Antibiotika zur Routine geworden sei und mittlerweile viele der in solchen Betrieben tätigen Menschen Träger der MRSA-Keime sind.

Von daher sollte man besser von einem Besuch bei Massentierhaltern absehen, wenn man unter Neurodermitis leidet oder offene Wunden hat, riet die promovierte Medizinerin. Und bei der Zubereitung von beispielsweise Hähnchenfleisch („die Hähnchen sind voll mit MRSA“) empfahl sie, nicht nur peinlich auf Sauberkeit in der Küche zu achten und das Fleisch gut durchzugaren, sondern auch, sich bei dieser Arbeit keine Verletzungen zuzuziehen. „In den besten Jahren wird uns das nichts tun“, schränkte sie ein, aber wenn das Immunsystem geschwächt ist, könne es Komplikationen geben.

Äußerst kritisch äußerte sich die ehemalige Leiterin des Gesundheitsamtes schließlich gegenüber der in Krankenhäusern und Altenheimen oftmals üblichen Praxis, pflegebedürftigen Patienten beziehungsweise Heimbewohnern einen dauerhaften Blasenkatheter einzusetzen. Denn dieser stelle eine permanente Eintrittspforte für MRSA-Keime in die Blase dar. Und wenn solche Bakterien erst in den Harnweg gelangt sind, bekomme man sie „nie wieder“ heraus. Medizinische Gründe für den Einsatz eines Dauerkatheters gebe es in der Regel übrigens nicht, er erleichtere lediglich den Arbeitsalltag des Personals, das sich dann nicht mehrfach am Tag mit dem Wechsel von Inkontinenzmaterial aufhalten müsse. „Ich bin der Auffassung, dass es Körperverletzung ist, wenn Ihnen jemand einen Blasenkatheter legt“, betonte Pietsch, zumal da dafür erfahrungsgemäß keine vorherige schriftliche Einverständniserklärung des Patienten beziehungsweise Heimbewohners eingeholt wird.

Zur generellen Vorbeugung des Einzelnen empfahl sie häufiges und dabei gründliches Händewaschen, wie man es früher aus Angst vor Infektionen als Selbstverständlichkeit angesehen habe. Und für die Zukunft prognostizierte sie mit Blick auf die ständige Zunahme multiresistenter Bakterien: „Wir werden zurückgeschleudert werden in die Zeit vor der Erfindung der Antibiotika“.

Mit ihrem Vortrag will die Referentin Dr. med. Hedwig Pietsch keine Panik schüren, sondern die Gründe für das vermehrte Auftreten multiresistenter Bakterien nennen und Wege aufzeigen, wie der Einzelne mit diesem Thema umgehen sollte.

Foto: wk

Artikel vom 26.01.2012 - 00.00 Uhr
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