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Hahn zugedreht: Heizkörper bleiben eiskaltDen elektrischen Heizlüfter mag Claudia Wierling trotz der Eiseskälte nur ungern einschalten – er frisst zu viel Strom. Foto: Wal
Hameln (ni). Auf den den Fensterscheiben wachsen dicke Eisblumen, das Thermometer im Wohnzimmer zeigt sieben Grad. Claudia Wierling und ihr Partner Jürgen Butz versuchen, sich mit dicken Fließjacken und zwei Paar Socken vor der Kälte zu schützen, die durch alle Räume kriecht. Zusammen mit Tochter Kerstin und vier Zergkaninchen wohnt die Familie in dem Eckhaus Deistersterstraße/Falkestraße, zahlt regelmäßig ihre Miete von 500 Euro – und muss frieren, weil die Heizung kalt bleibt. Der Fernwärmelieferant Enertec hat den Hahn zugedreht.
„Fassen Sie mal die Heizkörper an, die sind voll aufgedreht, aber eiskalt“, sagt Claudia Wierling, als müsse sie sich für das mehr als ungemütliche Klima ihn ihren vier Wänden entschuldigen. „Seit Oktober ist das so, und seitdem werden wir immer wieder vertröstet“.
Vorgestern ist ihr der Kragen geplatzt, und sie ist zum Rechtsanwalt gegangen. Der hat umgehend gehandelt und den Vermieter wissen lassen, dass die Familie für die nicht zu heizende Wohnung in den vergangenen vier Monaten 1140 Euro zu viel bezahlt hat und ihre Zahlungen darum bis auf Weiteres einstellen wird.
„Warm haben wir es dadurch aber trotzdem nicht“, ärgert sich Jürgen Butz und versteht die Welt nicht mehr. Seit 2004 wohnt er in dem Haus, das mal bessere Zeiten gesehen hat. Irgendwann wurden die einst repräsentativen Wohnungen in kleine Einheiten aufgeteilt und als Eigentumswohnungen verkauft. Die Eigentümer sind über ganz Deutschland zerstreut – und etliche von ihnen mit dem Erwerb der Immobilie offensichtlich nicht glücklich geworden.
Einige Wohnungen wurden bereits zwangsversteigert, andere stehen noch zur Zwangsversteigerung an. Günter Adamczik hat im vergangenen Jahr die Wohnung ersteigert, in der Claudia Wierling und Jürgen Butz leben. Vom Vorbesitzer weiß Adamczik, dem soll „ein Anlageberater die Wohnung als Altersvorsorge angedreht haben, für 120 000 Euro und mit fingiertem Mietvertrag“. Laut Wertgutachten sei die Wohnung aber nur 50 000 Euro wert. Der Käufer habe wegen dieses Immobiliengeschäfts Privatinsolvenz anmelden müssen. Und wie ihm sei es wohl auch noch anderen gutgläubigen Anlegern ergangen.
Im Oktober 2011 hat der Hamelner Unternehmer Wolfgang Maeker die Hausverwaltung übernommen. Der Vorgänger hatte sein Amt niedergelegt und laut Maeker „ein heilloses Durcheinander hinterlassen“. Die vollständigen Unterlagen über Abrechnungen und geleistete Zahlungen „habe ich bis heute nicht“, so der neue Verwalter. Fakt sei: Die Fernwärme-Rechnungen wurden nicht beglichen, und die Eigentümergemeinschaft steht bei Enertec mit 9000 Euro in der Kreide. Wärme liefern will Enertec erst wieder, wenn die Forderungen beglichen sind. Dafür hätten die Eigentümer eine Sonderzahlung leisten müssen, was laut Maeker bisher „aber nur einige getan haben und andere nicht“.
Die wenigen Mieter, die in der Deisterstraße 15 noch ausgeharrt haben, sitzen alle kalt. Einige behelfen sich mit Propangas-Öfen, andere, wie Wierling und Buck, haben sich zwei kleine elektrische Heizlüfter zugelegt. „Aber die stellen wir nur ganz selten an, weil die so viel Strom fressen“, sagt Dirk Buck. „Wir mussten jetzt schon 250 Euro bei den Stadtwerken nachzahlen.“ Dick anziehen, mit „Jogginganzug, warmen Socken und Schal ins Bett gehen“ und im eiskalten Badezimmer kurz warm duschen – so rettet sich die Familie über die Zeit. Und wenn Hausfrau Claudia es in ihrer Wohnung gar nicht mehr aushalten kann, besucht sie ihren Sohn. „Bei dem ist es schön warm – wenn er da ist.“