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Für Moslems ist das beste Frühstück ein Gebet
Von Cornelia Kurth

Wer zum feierlichen Fastenbrechen nicht mit der Essensvorbereitung beschäftigt ist, nimmt am gemeinsamen Gebet teil, dem Tarawih-Gebet, das nur während des Ramadan gebetet wird.

Sonntagabend gegen 20 Uhr. Vor der Moschee in Rinteln, einem einfachen weißen Haus „Im Emerten“, stehen viele türkische Männer und unterhalten sich. Drinnen im Gemeinschaftsraum ist es ebenfalls ganz schön voll, wie bei einem Fest, und wer sich durch die Leute durchdrängelt, Richtung Küche und Speiseraum im Keller, den empfängt köstlicher Essensduft. Ein paar Jungs schauen den Köchen zu und lachen erwartungsvoll. Alle hier haben großen Hunger und freuen sich auf die gemeinsame Mahlzeit. Es ist Ramadan, die Zeit des Fastens. Noch wenige Minuten und endlich darf nach einem Tag ohne Essen und Trinken wieder gegessen werden.

„Oh ja, ich bin hungrig“, sagt der 13-jährige Mirac Demirel. „Aber es ist gar nicht so schlimm. Wir sind ja daran gewöhnt.“ Das klingt, als sei er bereits ein alter Hase im religiösen Fasten, das jedem gläubigen Moslem auferlegt, im neunten Monat des islamischen Mondkalenders 30 Tage lang von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf alle sinnlichen Genüsse zu verzichten. Dabei ist Mirac gerade erst in das Alter gekommen, wo auch Kinder angehalten sind, sich dieser Übung der Enthaltsamkeit zu unterziehen. „Ich war in den Ferien fünf Tage lang in der Türkei“, erzählt er. „Da hatten wir 40 Grad im Schatten, und wir durften nichts trinken. Das war viel schwerer als hier.“

Er grinst und läuft mit seinem Bruder und Freunden in den Gängen der Moschee herum. „Die Jungs haben immer Energie, ob sie was essen oder nicht“, meint der ältere Enes Yalcinkaya. „Sie sind stolz darauf, dass sie mit den Erwachsenen mithalten.“ Auch er wirkt ausgesprochen gut gelaunt, wie eigentlich alle der über 80 Jungs und Männer aus der türkischen Gemeinde, die sich zu einem feierlichen Fastenbrechen, dem Iftar, eingefunden haben. „Ich schlage mir gleich die Wampe voll“, sagt Enes. „Das Essen macht während des Ramadan besonders viel Freude.“

Immer sonntags geht es so fröhlich zu in der Moschee. Abwechselnd treffen sich die Männer und dann die Frauen in der Ramadanzeit, decken die Tische, schneiden das Brot, bringen einen Teil des Essens von zu Hause mit und füllen eine angelieferte Mahlzeit aus Reis, Rindfleisch, Salat und Nachtisch in warmhaltende Styroporschachteln – der Vorstand der Moschee lädt alle dazu ein. So beliebt ist diese Veranstaltung, dass Jungs und Männer, Mädchen und Frauen nicht gleichzeitig feiern können und sich Sonntag für Sonntag abwechseln. Gleich ist es elf Minuten nach acht, Sonnenuntergang, Ende des Fastentages. Wer nicht gerade mit der Essensvorbereitung beschäftigt ist, nimmt am Gemeinschaftsgebet im Gebetsraum teil, dem Tarawih-Gebet, das nur während des Ramadan gebetet wird.

Im Speiseraum sitzt, noch ganz allein, der zwölfjährige Dogus. Sein Vater hat ihn mitgenommen, obwohl er noch nicht am Fasten teilnimmt. Überhaupt sind Gäste beim Fastenbrechen gern gesehen, auch Freunde, die tagsüber normal gegessen haben. „Ich weiß nicht, ob ich es durchhalten würde, und dann auch noch einen ganzen Monat“, sagt Dogus. „Aber mein Vater meint, das werde ich schon schaffen, wenn ich etwas älter bin.“ Niemand werde gegen seinen Willen gezwungen zu fasten, auch nicht in den gläubigen Familien, erklärt Murat Demiel aus dem Vorstand der türkischen Gemeinde. Niemand auch kontrolliere, ob das Fasten wirklich konsequent eingehalten werde. „Aber im Ramadan nicht zu fasten, ist in den Augen Gottes eine Sünde, daran gibt es keinen Zweifel“, betont er.

Und so will ein anderer Mann nicht öffentlich darüber sprechen, dass er viele Jahre den Ramadan ohne das rituelle Fasten vergehen ließ. „Ich habe wieder damit angefangen“, sagt er. „Und das ist gut so, obwohl es mir nicht mehr so leicht fällt wie früher.“ Er denke jetzt viel an seine Jugend, wo er in großer Hitze mit dem Vater auf dem Feld arbeitete und es trotzdem selbstverständlich war, nicht mal einen kleinen Schluck Wasser zu trinken. „Der Glaube hilft dabei und stärkt einen. Aber im Sommer ist es einfach schwerer.“ – „Es ist überhaupt nicht schwer!“ wirft ein anderer lächelnd ein, „egal in welcher Jahreszeit. Für Moslems ist das beste Frühstück ein Gebet!“

Da im islamischen Mondkalender die einzelnen Monate, je nach Mondphase, nur 29 oder 30 Tage umfassen, wandert der Ramadan innerhalb von 32 Jahren langsam durch die Jahreszeiten. Er kann in brütender Sommerhitze ebenso stattfinden wie in der kalten Winterzeit mit ihren kurzen Tagen. In diesem Jahr stehen die meisten gläubigen Moslems schon gegen halb fünf Uhr morgens auf, um ein Frühstück zu sich zu nehmen, das dazu beiträgt, Schul- und Arbeitstag bis zum Abend durchzuhalten. Viele legen sich danach noch mal hin, andere nehmen die Herausforderung an, den Tag schon jetzt beginnen zu lassen.

„Wenn man es wirklich will, dann kommt die Geduld dafür von ganz alleine“, sagt Mustafa Ipek. Er arbeitet im Tiefbau bis abends um sieben, doch sieht man ihm keine Ermüdung an. „Es ist ja keine Bestrafung!“, sagt er. „Es ist eher so, als wenn man Gott etwas von dem zurückgibt, was wir von ihm erhalten haben. Unser Körper ist ein Geschenk Gottes. Wenn wir einen Monat Verzicht üben, dann werden wir uns dieser Sache wieder bewusst.“ Woanders müssten Menschen hungern, andere leben im Krieg – wie könne man da über das Ramadan-Fasten klagen? „Wir bezahlen damit unseren Kredit ab, den wir bei Gott haben“, so erklärt er es. „Jeder kann selbst entscheiden, wie wichtig ihm das ist. Aber Gott wird diejenigen belohnen, die sich an die Regeln halten.“

Auch sein 13-jähriger Sohn Mehmet hat sich bereits auf das Fasten eingelassen. Der Vater würde ihm wohl durchgehen lassen, wenn er mal schwach wird. „Damit schadet man ja niemand anderem“, sagt er und erzählt aber, dass der Mutter viel daran liegt, ihr Sohn möge wacker durchhalten. „Sie sagt ihm dann: ,Leg dich ein bisschen hin, wenn du Hunger hast, dann vergeht das‘, oder ,Schluck deine Spucke runter, das hilft gegen den Durst‘.“

Mehrere ältere Schüler sind auch unter den Gästen in der Moschee und machen sich jetzt mit viel Appetit über die Mahlzeit her. Ist es nicht schwierig in der Schule, wo die meisten anderen essen, trinken und auch rauchen? „Oh, das macht mir nichts aus“, sagt Salih Kismet, Schüler am Rintelner Gymnasium Ernestinum. „Ich muss auch sagen, dass ich von Freunden viel zum Ramadan befragt werde und es mir Spaß macht, zu antworten und zu erklären, warum wir es machen.“ Wie alle anderen auch, betont er, dass es der Glaube sei, der einen stärke. „Es ist ein gutes Gefühl, freiwillig auf etwas zu verzichten. Man fühlt sich stark und voller Selbstvertrauen. Und außerdem schmeckt das Essen in dieser Zeit besonders gut.“

Mirac Demirel und sein Bruder Hüseyn (17) gehen auf ein türkisches Internat in Paderborn. Dort sind Schüler, die nicht fasten, die Ausnahme. „Bei uns machen sogar die deutschen Schüler mit“, sagt Mirac. „Nur die Kleinen aus der 5. und 6. Klasse gehen mittags in die Mensa.“ Auch wer krank ist oder sich einfach zu schwach fühlt, darf das Fasten unterbrechen, ebenso wie schwangere und stillende Frauen oder überhaupt jeder, der spürt, dass es ihm nicht gut tut. „Niemand soll sich selbst schaden“, so Gemeindevorstand Murat Demirel. „Das wäre nicht im Sinne Gottes!“ Aber Gläubige, die doch mal etwas zu sich nehmen, sollten auf andere Weise zeigen, dass sie Gottes Gebote halten. Das ist zum Beispiel möglich durch eine Spende an die Hungernden in Pakistan oder überhaupt an Menschen, die Not leiden.

21 Uhr, die Tische sind abgeräumt, die meisten sind bereits gegangen. Hier und da aber sitzen die Männer noch beim Tee zusammen und unterhalten sich. Draußen vor der Tür stehen die Raucher und genießen sichtlich ihre Zigaretten. „Schönes Zuckerfest!“ wünschen die zwei deutschen Besucher. „Fröhliche Weihnachten“ heißt es lustig zurück. Ja – am 9. September ist es so weit und das dreitägige „Bayram“, das hohe Fest des Fastenbrechens wird gefeiert, mit Geschenken und wunderbar gedeckten Tischen. „Eins ist klar“, sagt Mustafa Ipek. „Mein Sohn wird eine Belohnung für sein Fasten erhalten, über die er sich sehr freuen wird!“ Und da ist er gewiss nicht der Einzige.

Nichts essen, nichts trinken, nicht rauchen – und das von halb fünf Uhr morgens bis in die tiefen Abendstunden hinein. Im Fastenmonat Ramadan nehmen gläubige Moslems Entbehrungen auf sich, gelassen, mit tiefer Freude gar. „Wenn man es wirklich will, kommt die Geduld von ganz alleine“, sagt zum Beispiel Mustafa Ipek. Unsere Zeitung hat das feierliche Fastenbrechen in Rintelns Moschee miterlebt. Ganz abseits von der aktuellen Integrationsdebatte.

Artikel vom 06.09.2010 - 18.57 Uhr
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