Obernkirchen
Die Gerechtigkeit geht, die Demokratie kommtRegenschirmparade: Joachim Gotthardt fordert die Knöllchen-Abschaffung. Fotos: rnk
Obernkirchen (rnk). Eine Erfindung der Moderne lernt der Fürst beim Gerichtstag schätzen: Mit einem auf Knopfdruck ausfahrbaren Regenschirm lässt sich seine Durchlaucht gegen den weinenden Himmel schützen. Denn pünktlich mit dem Wiedererscheinen der Gerechtigkeit beginnt auch der Regen.
Bis dahin war es ein ganz munteres, buntes Familienfest. Mit einem bestens aufgelegten Blasorchester Krainhagen und diversen Ständen der Bergstadt-Wirtschaft wurde die Wartezeit bis zum Eintreffen des Herrschers ebenso schön wie trocken überbrückt.
Rund 500 bis 700 Zuschauer mögen es gewesen sein, die anschließend dem wiedergeborenen Fürsten ihr „Vivat“ entgegen brüllen und die Fähnchen schwenken. „Von der Bühne aus sah es sehr voll aus“, wird später am Abend Rolf-Bernd de Groot erzählen, der als Magister Notholden hier in Obernkirchen gleichsam ein Heimspiel genießt. Und einen schweren Stand hat, denn mit Manuela Schneider legt eine „Frauensperson“ ein Anliegen vor, die rein optisch dem sittenstrengen Seelsorger des Fürsten die Haare zu Berge stehen lässt: Was für ein Kleid, was für ein Ausschnitt, was für merkwürdige moderne Zeiten!
Was für trostlose Zeiten, hatte Bürgermeister Oliver Schäfer zuvor berichtet. Kein Geld in den städtischen Kassen – und dann erhebt sich auch noch die Natur und überschwemmt das Freibad, das Fürst Ernst eine Woche zuvor besucht hatte. Das entbehre ja nicht einer gewissen Ironie, entgegnet der Herrscher, dass ein Bad überflutet wird. Das Lachen über diese Antwort hält sich in überschaubaren Dezibelgrenzen.
Deutlich witziger wird es, als Ernst Schäfers Klagen über den rapiden Bevölkerungsrückgang vernimmt. Da sollten die Obernkirchener vielleicht mehr Kinder in die Welt setzen, antwortet Ernst: „Macht welche. Das macht Freude und Ihr habt keine Bevölkerungssorgen mehr.“
Er nimmt den Ball anschließend wiederholt auf. Als Manuela Schneider ihre Bitte um ein gerechtes Urteil vorträgt, weil des Nachbars Erpel ihre Zuchtente geschwängert hat, rät der Fürst der Bevölkerung, bei dem Erpel doch einmal zum Anschauungsunterricht vorbeizuschauen, „damit Obernkirchen wieder größer wird“. Und als nach all den Petitionen die Petticoats & Cowboys noch einen Auftritt hinlegen, setzt Ernst die letzte große Pointe des Tages: „Vieles verstehe ich. Aber wie es bei euch bei so einem Auftritt an Kindern mangelt – das verstehe ich nicht.“
Auch wenn sich beim Fürstenspektakel einen Tag vor dem Ende eine gewisse Routine eingespielt hat, auch wenn die Zuschauer mittlerweile sehr genau wissen, welcher Dramaturgie der Besuch unterliegt und welche Rolle sie selbst zu spielen haben: In Obernkirchen läuft Fürst Ernst für 90 Minuten noch einmal zu wahrhaft großer Form auf: Er ist witzig und schlagfertig.
„Das ist mein Beruf, und zwar seit 40 Jahren“, erklärt Peter Kaempfe spätabends auf dem Kirchplatz, wo der Schauspieler abgeschminkt und in ziviler Kleidung mit einem Teil seines Trosses den Abend bei „Grass ’n’ Groove“ ausklingen lässt. Das Fazit der Teilnehmer fällt gut aus für die Bergstadt: Die Gerichtstage in Obernkirchen und Rodenberg sind toll gelaufen, auch der Auftritt im Freibad war klasse, in Rinteln und Stadthagen war es eher mau.
Am Nachmittag werden Fürst Ernst gleich ein gutes halbes Dutzend Petitionen überreicht. Joachim Gotthardt möchte als Vorsitzender des Vereins für Wirtschaftsförderung, dass Knöllchen für Falschparker abgeschafft werden und die Fußgängerzone wieder geöffnet wird, (es bleibt, nebenbei bemerkt, abzuwarten, ob der Bürgermeister dies als Auftrag für die Politik interpretiert, immerhin verweist der Fürst das Ansinnen an Schäfer), Äbtissin Susanne Wöbbeking möchte gern für ihr Stift die Güter zurück, die einst zur Stärkung der Rintelner Universität benutzt wurden, Pastor Wilhelm Meinberg verlangt es nach Euro-Talern aus der fürstlichen Schatulle zur Sanierung der Marienkirche, Thomas Stübke überreicht eine Petition für die Reaktivierung der Eisenbahnstrecke Rinteln-Stadthagen und für eine S-Bahn nach Hannover.
„Alle wollen nur Geld von mir“ stöhnt Ernst und empfiehlt der Äbtissin den Blick über den städtischen Tellerrand: Sie solle es doch halten wie Fürst Alexander in Bückeburg mit seinem Schlosse und ihr Stift für Besucher öffnen: „Gegen einen kleinen Obolus.“ In der Residenzstadt habe sich diese Regelung doch bewährt, „denn am Huntertuche nagt der Fürst dort nicht.“
Nach einem Anruf an die männliche Bevölkerung, sich dem Heere anzuschließen, verlässt die Gerechtigkeit zum letzten Mal die Stadt. Kurz darauf kehrt die Demokratie zurück.