Auetal
Bei Tempo 100 schlägt eine halbe Tonne aufAuetal/Landkreis (rnk). Für den Autofahrer ist es ein mittlerer Albtraum: Unvermittelt springt zwischen Borstel und Bernsen eine Herde Wild aus dem Feld über den Graben und rast direkt auf die Fahrbahn. Der Fuß drückt das Bremspedal bis auf den Asphalt durch – noch mal Glück gehabt. Aber nicht immer gehen Wildunfälle glimpflich aus.
Geht es nicht gut aus, spricht der Jäger von Fallwild, von Tieren also, die durch nichtjagdliche Einwirkung zu Tode kommen – und das ist überwiegend im Straßenverkehr der Fall. Ein paar Zahlen: Von April 2009 bis März 2010 kamen in Niedersachsen 29 201 Rehwild-, 2131 Schwarzwild-, 1024 Damwild- und 263 Rotwild-Tiere bei Unfällen ums Leben. Und jährlich registriert das Statistische Bundesamt rund 30 Tote und mehr als 3400 verletzte Personen durch Wildunfälle. Der Sachschaden wird bundesweit auf weit über 300 Millionen Euro pro Jahr beziffert. Häufig werden Wildunfälle im Ausmaß unterschätzt. Ein 20 Kilogramm schweres Reh besitzt bei einer Kollision mit Tempo 100 ein Aufschlaggewicht von fast einer halben Tonne.
Die meisten Unfälle passieren in den Abend- und frühen Morgenstunden, wobei die Übergangsbereiche zwischen Wald- und Feldzonen naturgemäß besondere Gefahrenschwerpunkte darstellen. Hier ist mit regelmäßigem Wildwechsel zu rechnen, da die Tiere zur Äsung vom Wald auf die Felder ziehen und danach wieder den Schutz des Waldes aufsuchen. Dem Autofahrer bleibt an solchen Stellen nur, sofort den Fuß vom Gas zu nehmen und langsam und konzentriert zu fahren. Immer die Wald- und Straßenränder sorgfältig im Auge behalten und bremsbereit sein, denn in etwa 80 Prozent aller Fälle taucht das Wild nur 20 Meter und kürzer vor dem Auto auf. Wer da zu schnell fährt, hat keine Chance mehr.
Besonders gefährlich sind neue Straßen, die durch Waldgebiete führen, weil Wild die gewohnten Wechsel beibehält. Und: Ein Tier kommt selten allein, Autofahrer sollten immer mit den sogenannten „Nachzüglern“ rechnen. Ein weiterer Expertentipp: Nachts in bewaldeten Gegenden, wann immer möglich, mit Fernlicht fahren. So wirken die Augen der Tiere wie Rückstrahler und sind besser zu erkennen. Taucht das Wild im Scheinwerferlicht auf, sofort abblenden, bremsen und hupen. Das Licht lässt die Tiere meist erstarren, das Hupen löst dagegen einen Fluchteffekt aus.
Und was sollte man tun, wenn es dennoch kracht? Auf keinen Fall ausweichen, denn das kann schlimme Folgen haben, auch für andere Verkehrsteilnehmer. Lässt sich ein Zusammenprall mit dem Wild also nicht vermeiden, Lenkrad gut festhalten und weiterfahren. Nach dem Unfall die Warnblinkanlage einschalten und die Unfallstelle absichern, das Tier an den Randstreifen schaffen, damit keine Folgeunfälle passieren. Wegen einer möglichen Tollwutansteckung sollte das Tier nicht mit bloßen Händen angepackt werden.
Was der Autofahrer nicht machen sollte: Den Kofferraum öffnen und das tote Tier für den nächsten Sonntagsschmaus mitnehmen. Wer Wild mitnimmt, macht sich der Wilderei schuldig und muss mit einer Strafanzeige rechnen.
Ist das Tier nicht tot, sondern flüchtet angefahren, sollte man sich für die spätere Meldung die Fluchtrichtung merken. So kann der Jäger oder Förster später mit einem ausgebildeten Hund dem verletzten Tier folgen und es von seinem Leiden erlösen.
Der Unfall sollte unverzüglich am besten der Polizei gemeldet werden. Und eine ausgestellte Bescheinigung über den Wildunfall hilft beim Schadensersatzanspruch.