Stadthagen

Leicht, virtuos und ideenreich

Leicht und musikalisch mitreißend: Das World Sinti Jazz Ensemble. Foto: jpw

Stadthagen (jpw). Vom ers-ten Ton an herrschte im Saal der „Alten Polizei“ in Stadt-hagen die Leichtigkeit des musikalischen Seins. Das „World Sinti Jazz Ensemble“ um Martin Weiss hat das Publikum gleich mit dem ersten Geigenstrich und dem ersten Gitarrenzupfer aus dem Handgelenk begeistert.

Das Wetter hatte den ur-sprünglichen Plänen der Veranstalter, der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) und dem Verein „ehemalige Synagoge“ einen Strich durch die Rechnung gemacht, das Konzert in der früheren Synagoge zu veranstalten.

Die fünf Musiker Martin Weiss (Geige), Hono Winterstein, Brady Winterstein, Gigi Reinhardt (alle Gitarre) und André Loos (Kontrabass) störte dies nicht. Besonders der erst 16-jährige Brady Winterstein zeigte, dass ihm der Ort egal ist, um seine Fähigkeiten zu entfalten: „Er hat gestern teuflisch in einer Kirche gespielt“, grinste Weiss zu Beginn verschmitzt und berichtete, dass der junge Mann während der Tournee eine Tasche mit Hanteln bei sich führt: „Na, ja, sie werden sehen, welche Kraft in ihm steckt.“

Weiss hatte vor ausverkauftem Haus nicht zu viel versprochen: Kraft und filigrane Fingerfertigkeit bilden bei Brady Winterstein keinen Gegensatz, immer wieder rissen seine virtuosen Soli die begeisterten Besucher zum Sonderapplaus hin. Die Tempowechsel des Neffen von Hono Winterstein wiederum, trieben dem fingerflinken Geiger Weiss den Schweiß auf die Stirn.

Der Chef des Ensembles stand zusammen mit den arrivierten Kollegen seiner jungen Neuentdeckung in keiner Weise nach. Die Mischung aus Virtuosität und Geschwindigkeit, gepaart mit Leichtigkeit und absoluter, technischer Sicherheit faszinierte vom ersten Stück an.

Der 49-jährige Weiss stammt aus einer traditionsreichen Sinti-Musiker-Familie. Das langjährige Mitglied des „Häns’che Weiss Ensembles“ gilt als Mitentwickler des „Sinti-Jazz“, der einzigen eu-ropäischen Jazz-Variante.

Natürlich – wie kann es im Jahr des 100. Geburtstages der Musiklegende Django Rein-hardt anders sein – servierten die Musiker als Ouevre eine Reinhardt-Hommage.

Woran sich Trude Herr nicht versuchen wollte („keine Schokolade“) kredenzte Weiss als Original-Melange mit viel Improvisation und der entsprechenden Geschichte. Der Ursprung dieses Stücks ist zwischen Deutschen und Franzosen umstritten, selbst das Internet, bedauerte Weiss, gäbe da keinen Aufschluss. Wer’s hörte, dem schien es egal – die Musik ist aufgeschrieben, ein mitreißend swingendes Stück – so wie das Konzert insgesamt.

Artikel vom 07.09.2010 - 00.00 Uhr
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