Rinteln

…da stand Genscher im Wohnzimmer

Hans-Dietrich Genscher spricht auf dem Rintelner Marktplatz. Kleines Bild: Der Außenminister und Vizekanzler sieht für eine Viertelstunde im Wohnzimmer von Hugo Struck am Marktplatz vorbei.

Rinteln (mld). Es ist ein äußerst hoher Besuch, der sich für diesen Samstag in dem kleinen Weserstädtchen angekündigt hat: Der Außenminister, Vizekanzler und Bundesvorsitzender der FDP, Hans-Dietrich Genscher, kommt im Rahmen des Bundestagswahlkampfs für die sozialliberale Koalition am 30. August 1980 nach Rinteln.

Und nicht nur wurde er im Ratskeller empfangen und hielt eine Rede auf dem überfüllten Marktplatz, er besuchte auch einen Rintelner zu Hause – weil er um Punkt 19 Uhr unbedingt die „heute“-Sendung sehen musste.

„Er wollte die Sendung sehen, im Ratskeller gab es allerdings keinen Fernseher“, erinnert sich Markus Struck, damals 14, heute noch, „als wäre es erst gestern gewesen“: Also habe sein Vater, Hugo Struck, der damals für die CDU im Stadtrat saß, den Außenminister kurzerhand zu sich nach Hause eingeladen. „Bei uns war die Sendung immer Pflichtprogramm“, erinnert sich Struck. Und der Weg vom Ratskeller bis zum Haus des Fotografenmeisters auf der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes war nicht weit.

„Das war wie im Fernsehen“, erinnert sich Struck, der den Beruf seines Vaters ergriffen hat und auch heute noch das Geschäft „Photo Struck“ am Marktplatz betreibt, an „die ganzen Bodyguards, die auf einmal bei uns im Wohnzimmer standen.“ Und an noch etwas erinnert sich Struck heute ganz genau: „Genscher war eine sehr imposante Figur, unheimlich groß. Sobald er in den Raum kam, wurde es eng.“ Das Haus der Strucks ist ein altes Fachwerkhaus mit niedrigen Decken. „Er musste sich immer bücken, um durch unsere Türen zu kommen.“ Und er sei „unheimlich locker“ gewesen, „mit ihm konnte man sich normal unterhalten.“

Nach der ersten Viertelstunde der „heute“-Sendung, zu der Hugo Struck Süßes aus einer Blechdose reichte, ging es auch schon wieder zurück in den Ratskeller.

Unsere Zeitung schreibt vor 30 Jahren von einer Atmosphäre, die „eher lässig“ gewesen sei – was auch darauf zurückzuführen sei, dass Genscher die Zahl der Sicherheitsbeamten „persönlich auf ein Minimum“ reduziert habe. Er werde doch nicht „mit einer kompletten Armee in die Provinz“ gehen, zitiert unsere Zeitung den Außenminister.

Der Vorsitzende des FDP-Ortsvereins und stellvertretende Bürgermeister, Peter Eulzer – der zu diesem Anlass, für den ihm Bürgermeister August Gellermann den Vortritt lässt, eine gelbe Krawatte mit schwarzen Punkten trägt – misst dem Besuch Genschers „besondere Bedeutung“ auch deshalb zu, weil Genscher zum Abschluss, nicht zum Auftakt, dieses Samstages nach Rinteln gekommen sei. Begonnen hatte der Außenminister den Tag in Holzminden, war dann zu einer Wahlkampfveranstaltung nach Neumünster geflogen und um 18 Uhr auf dem Rintelner Flugplatz gelandet. Gleichzeitig, schreibt unsere Zeitung, brachte ein Schiff rund 400 Wahlhelfer von Holzminden nach Rinteln.

Im Ratskeller trug sich Genscher ins Goldene Buch ein und bekam Rintelns Goldene Ehrennadel für „Verdienste um die Demokratie in der Bundesrepublik schlechthin“, wie Eulzer begründet. Der Empfang im Ratskeller fand bei Käsebroten und Wurstschnitten statt, danach folgte die Kundgebung auf dem Marktplatz. Nur wenige Stunden später ging es für Genscher wieder Richtung Flugplatz, diesmal mit Bonn als Ziel, wo seine Familie wartete. Und der Feierabend.

Artikel vom 02.09.2010 - 18.30 Uhr
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