Obernkirchen

„In diesem Fall haben wir Glück gehabt“

Gelldorf (mld). Ein drei Meter tiefes und etwa vier Meter breites Loch klafft mitten in einem Feld in Gelldorf – kaum zehn Meter von der Bundesstraße 65 und etwa 30 Meter vom nächsten Haus entfernt. Lange ist es noch nicht da: Zuerst bemerkt wurde es wohl am späten Mittwochnachmittag. Grund für die plötzliche Absackung ist wahrscheinlich ein alter Stollen, der sich während der starken Regenfälle der letzten Tage mit Wasser gefüllt hat – was dann plötzlich das Erdreich mitgerissen hat.

Am Grund des Lochs hat sich Wasser angesammelt – eventuell ein Indiz dafür, dass die starken Regenfälle Ursache für das nachgebende Erdreich sein könnten.

Zuerst bemerkt hat das Loch offenbar der Pächter des Feldes, der sofort der Stadt Bescheid gegeben hat. Auch die Polizei ist alarmiert worden. Zuständig ist hier jedoch das Obernkirchener Tiefbauamt, das den städtischen Baubetriebshof damit beauftragt hat, die Stelle abzusichern. Absperrgitter und gelbe Warnleuchten in etwa zwei Metern Abstand zur Abbruchkante sollen das Loch sichern – denn es könnte sich durchaus noch vergrößern, wie das Tiefbauamt auf Anfrage unserer Zeitung mitteilt. Außerdem berge das Loch Gefahren für die Bürger.

„Niemand sollte hier mutig sein und zu nah an die Kante herangehen“, warnt eine Vertreterin des Fachbereichs III für Bau, Planung und Umwelt. Sollte es in den nächsten Tagen weitere Regenfälle geben, könnte das Erdreich weiter aufweichen, die Erde rund um das Loch könnte nachgeben und seine kreisrunde Form weiter ausfransen. Dadurch könnte eine sogenannte Trichterform entstehen: Das Loch würde oben größer werden und sich nach unten hin durch die abbröckelnde Erde wie ein Trichter verschmälern.

„Und wenn da jemand hineinfiele, würde er von allein nicht mehr herauskommen“, so die Fachbereichsmitarbeiterin.

Um zu klären, was das plötzliche Absacken des Erdreichs überhaupt verursacht hat und wie das Loch am besten verfüllt werden kann, haben Vertreter des Tiefbauamts und des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) aus Clausthal-Zellerfeld das Loch am Donnerstagmorgen besichtigt.

Die Informationen aus Gelldorf will der Mitarbeiter des LBEG innerhalb einer Woche auswerten. Die mögliche Maßnahme sei, das Loch wieder mit Erde zu verfüllen, so das Tiefbauamt. Doch die Anwohner sind besorgt.

Kerstin Kreft, die in der ans Feld angrenzenden Stiftstraße wohnt, hat zum Beispiel noch gar nichts von dem Loch gewusst. „Aber wenn man das hört, ist das schon beunruhigend. Nicht, dass unser Haus plötzlich eine Etage tiefer steht! Schließlich sagte man uns bereits bei unserem Einzug im Jahr 1996, dass sich direkt hinter unserem Haus ein alter Schacht befindet.“

Nachbarin Inge Bengs ist durchaus beunruhigt: „Natürlich mache ich mir Sorgen, auch wenn mein Sohn mir sagt, ich brauche keine Angst zu haben. Doch schließlich ist in Schaumburg viel von Schachtgängen unterlegt. Das ist schon ein komisches Gefühl.“

Und auch wenn Sohn Thomas Bengs seiner Mutter die Sorge ausreden will, ist er doch selbst ebenso beunruhigt. „Zumal ich rings um das Loch mehrere braune Stellen entdeckt habe – denn da, wo jetzt das Loch ist, war vorher auch so eine braune Stelle.“

Außerdem verweist er auf einen Brunnen auf einem Feld an der Stiftstraße. „Der ist vermutlich schon eingebrochen, wie man an der tiefen Senke unmittelbar daneben vermuten kann.“ Das ganze Feld hier sei in den letzten Jahren stark eingefallen, wie man am Höhenunterschied zur Straße erkennen könne.

Dass das Loch durch einen Stolleneinbruch entstanden ist, scheint bei der Stadt die wahrscheinlichste Erklärung: „Es kann immer mal wieder vorkommen, dass ein alter Stollen einbricht und Löcher entstehen“, gibt die Mitarbeiterin des Tiefbauamtes zu. In diesem Fall habe man „Glück gehabt“, dass das Loch mitten in einem Feld entstanden sei.

Tatsächlich hätte ein solches Loch wohl genauso gut an anderer, wesentlich heiklerer und gefährlicherer Stelle entstehen können – zahlreiche Stollen untertunneln Obernkirchen und seine Ortsteile, Straßen, Grundstücke und Gebäude inklusive.

Meist sind das keine tiefen Stollen, schließlich gibt es hier keine meterhohen Abbauhallen wie etwa im Ruhrgebiet, sondern Schächte von maximal einem Meter Höhe. Dennoch: Absackungen gibt es immer wieder, auch auf dem Harrl und dem Bückeberg, weswegen in den Wäldern Schilder die Wanderer vor Stolleneinbrüchen warnen. Die sogenannte Deckschicht, die Gesteinsschicht zwischen Stollen und Erdoberfläche, ist an manchen Stellen nur sehr dünn.

Ganz ausschließen könne man nie, dass Löcher auch an anderer Stelle entstünden, sagt auch die Mitarbeiterin des Tiefbauamts.

Was auch immer die Ergebnisse des LBEG zeigen werden – fest steht, dass es bereits die zweite Absackung im Stadtgebiet Obernkirchen ist, über die unsere Zeitung berichtet hat. Im Herbst 2008 hat sich im Garten eines Mietshauses in der Mühlenbreite nahe des Liethstollens plötzlich ein etwa zwei Meter tiefes Loch aufgetan – zu Schaden kam damals zum Glück nur der Gehweg. Die Verfüllung des Lochs und die neue Pflasterung mussten die Mieter selbst zahlen, weil die Zuständigkeiten für die alten Stollen ungeklärt sind.

Die Nutzungsrechte an der Kohle, die hier in den Stollen gefördert wurde, hat sich der ehemalige Preussag-Konzern erkauft, heute der Reisekonzern TUI. Zur Verkehrssicherung wurden die Nutzungsrechte mancher Stollen im Stadtgebiet der Stadt Obernkirchen übertragen.

Auf die Ergebnisse der Untersuchung des LBEG, was das Absacken der Erdoberfläche verursacht hat, dürfte nicht nur das Tiefbauamt gespannt sein. Sie sollen in etwa einer Woche vorliegen.

Um das Restrisiko unverfüllter Schächte zu ermitteln, hat das LBEG nach eigenen Angaben eine Datenbank angelegt, die alte Schächte und Stollen mit einer Gefährdungszahl belegt. Die Datenbank soll künftig ausgebaut werden. In diesem Jahr will das Amt Schächte im Raum Obernkirchen überprüfen.

Artikel vom 09.03.2010 - 17.30 Uhr
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