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Wo Wisent und Schnee-Eule zu Hause sindVon Jan Peter Wiborg
Wisente werden seit 1928 in Springe nachgezüchtet.
Auf einem rund 300 Morgen großen Waldstück der Försterei „Eispfad“ hat 1928 die Hege der letzten europäischen Wisente begonnen. 82 Jahre später finden rund 100 Wildtierarten Platz am traditionsreichen Ort, der im Jahr von rund 140 000 Besuchern als abwechslungsreicher, moderner Tierpark erlebt wird.
Wisentgehege-Leiter Thomas Hennig und seine fünf Mitarbeiter sind verstärkt bestrebt, den Begriff „Wisentgehege“ im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern und ihn nicht so häufig mit dem historisch-übergreifenden Begriff „Saupark“ durcheinander purzeln zu lassen.
In diesem Jahr entsteht im Wisentgehege als einem von zehn niedersächsischen Waldpädagogikzentren der Niedersächsischen Landesforsten ein neues Unterrichtsgebäude. Schulklassen bekommen die Möglichkeit, vor Ort den Wald als Lebensraum zu erkunden, Kindern sollen so häufig fehlende Naturerlebnisse vermitteln werden.
Die Möglichkeit, als ein Teil des Betriebes der neu geschaffenen Niedersächsischen Landesforsten unternehmerisch tätig zu werden, hat der Forstbeamte Hennig früh als Chance begriffen.
So steht als Anbau an das Bärenhaus bereits ein dringend benötigtes neues Futter- oder Fleischhaus mit Tiefkühlraum, Kühlraum, Verarbeitungs- und Auftauraum. „Wir haben auch die Chance, dort Futtertiere wie Ratten, Mäuse, Meerschweinchen und Kaninchen zu züchten“, sagt Hennig.
Wölfe und Braunbären zusammen in einem Gehege – damit hat der Tierpark in einer Kombianlage außerordentlich gute Erfahrungen gemacht. Doch die Entwicklung bleibt im Wisentgehege nicht stehen: „Wir wollen uns noch ein zweites Standbein suchen und mit handaufgezogenen Wölfen arbeiten.“
In der geplanten, neuen Wolfsanlage wird es nach Hennigs Beschreibung also anders zugehen: „Der Wolf lernt den Menschen als einen Sozialpartner kennen; der verantwortliche Mensch wird der Leitwolf werden.“ Die bereits bestehende Kooperation mit dem Wolfsexperten Matthias Vogelsang wird deshalb ausgeweitet. Hennig: „Er wird die Tiere betreuen und tägliche Präsentationen übernehmen.“
Um die Prägung auf den Menschen zu erreichen, müssen die Polarwolf- und Timberwolfwelpen kurz nach ihrer Geburt im Mai übernommen werden, berichtet Hennig: „Deshalb muss bis dahin die Anlage fertig sein, wir sind schon relativ weit.“ Die Trassen für die zweieinhalb Meter hohen Zäune – mit 1,50 Meter in der Tiefe verlegten Baustahlmatten unterfüttert – sind eigens so verlegt worden, dass auf dem rund 2000 Quadratmeter großen Gelände drei alte Eichen nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.
Die Besucher können künftig auch die Aufzucht zumindest teilweise verfolgen: „Die Möglichkeiten, etwas über Wölfe zu erzählen, wenn man im Gehege steht und die Tiere einen als Rudelmitglied akzeptiert haben, sind natürlich andere“, meint Hennig.
Seine „vierte Baustelle“, den Umbau der Kleinraubtieranlage, hätte er nach eigenem Bekunden im Gespräch „fast vergessen, weil sie bereits seit dem vergangenen Jahr läuft“. Dort schafft Hennig unter anderem Platz auch für die neuen Tierarten, Waschbär, Marderhund und amerikanischen Nerz. „Unsere Anlagen waren in die Jahre gekommen“, räumt Hennig freimütig ein. Deshalb ziehen die Tiere nach und nach in moderne, ihren Ansprüchen eher gerecht werdende Gehege um.
Eines der traditionsbehafteten Herzstücke bleibt für Hennig aber die Weiterzucht des Wisents: „Wir sind dabei, europaweit die Qualität in der Zucht zu verbessern.“ Der gesamte Ausgangsbestand lasse sich auf zwölf Gründertiere zurückführen.
Aufgrund des hohen Verwandtschaftsgrades sei es sehr schwierig, von „fremden Tieren“ zu sprechen. Dadurch, dass die Zucht im Prinzip „eher zufällig“ gelaufen sei, bestehe die Gefahr, bestimmte genetische Merkmale zu verlieren. „Da ist wenig Lenkung drin.“
Seit einigen Jahren gehört die Nachzucht des Wisents zum Europäischen Erhaltungszuchtprogramm mit weit mehr als 300 Tierarten: „Das funktioniert noch nicht so richtig gut.“ Förster und Wissenschaftler arbeiten darauf hin, dass in jedem europäischen Land Wisentbüros eingerichtet werden. „Das ist die Hoffnung, einfach mehr Qualität in die Zucht zu bekommen.“ Der Wisent ist nach Hennigs Einschätzung in den vergangenen Jahren „ein reines Förstertier geblieben und kein Zootier“ geworden.
Eine Ursache dafür sei, dass es in den reinen Zookonzepten immer mehr darum gehe, Kontinente nachzubauen. „Ich habe aber noch keinen Kontinent Europa gesehen“, merkt Hennig an. Vielleicht gerade deshalb entsteht im Wisentgehege als inhaltliche Abgrenzung zu den Zoos der „Kontinent Europa“.
Die Tiere bleiben im natürlichen Lebensraum
Die Tiere bleiben in ihrem natürlichen Lebensraum: „Es ist ein Spiegel dessen, was vorkommt, was vorgekommen ist und was neuerdings vorkommt“, umreißt der Leiter die Auswahl an Tierarten: „Das ist der Wolf, das ist der Braunbär, das ist der Elch, bis hin zu den ‚neuen Tierarten‘.“
Die Niedersächsischen Landesforsten präsentieren einige ihrer Einrichtungen – so auch das Wisentgehege – kraftvoll als „Naturtalente“. Den Veranstaltungskalender des Wisentgeheges ziert ein Hirschkopf mit einem mächtigen Geweih: Folglich ist der Slogan „Volles Programm an allen Enden“ dem straffen Programm vorangestellt. „Wir betreiben hier Umweltbildung mit gleicher Priorität“, unterstreicht Hennig.
Die Flugvorführungen des „Falkenhofes“ mitten im Muffelwildgehege mit Falken, Adlern und Eulen und Lehrvorträgen der Falkner haben längst viele Fans gefunden. Auf etwa ein Drittel der 140 000 Besucher beziffert der Leiter die Zahl der Kinder im Wisentgehege. Ein Großteil komme durch die „Gehegeschule“ in Kontakt. Mitarbeiterin Cornelia Tripke ist über das Jahr mit der Betreuung von Schulklassen sowie Kinder- und Jugendgruppen beschäftigt, organisiert das Tierpark-Programm für Kindergeburtstage und Familienworkshops.
Dass das Wisentgehege gleichzeitig auch offizielle Auffangstation für geschwächte Greifvögel und Eulen ist, kommt bei den Mitarbeitern trotz des umfangreichen Tagesplanes nicht zu kurz. „Das ist alles nicht mit einer 38,5-Stunden-Woche zu machen“, stellt Hennig fest. Gerade für den überaus engagierten Leiter des Wisentgeheges gilt aber, dass er sich „sehenden Auges“ von Kindesbeinen an auf die Anforderungen für diesen Job vorbereitet hat: Sein Vater war auch sein Vorgänger im Amt und 30 Jahre lang für den „Kontinent Europa“ im „Kleinen Deister“ zuständig.
Kontakt: Unter der Internet-Adresse www.wisentgehege-springe.de präsentiert der Tierpark eine informative und umfassende Seite mit zahlreichen Fotos. Sie sind von Thomas Hennig aufgenommen, der auch unserer Zeitung Bilder zur Verfügung gestellt hat. Hennigs Fotos sind auch im Jahreskalender 2010 enthalten, der über den Tierpark zu beziehen ist. Das Wisentgehege hat täglich ab 8.30 Uhr geöffnet. Täglich, außer sonntags, sind um 10.30 Uhr und 15 Uhr Fütterungen zu erleben. Aktuelle Infos gibt der Tierpark unter (0 50 41) 58 28 und nach dem Schicken einer E-Mail an info@wisentgehege-springe.de. Das Jagdschloss Springe und der Saupark sind unter www.saupark-springe.de zu finden. Weitere Infos gibt das Niedersächsische Forstamt Saupark unter (0 50 41) 9 46 80.