Landkreis

Falsches Gold und Moneten durch Magie
Von Ulrich Behmann

Funkelt wie Gold, ist aber nur Messing – die vier Ringe und die vier Ketten wechselten bei Voldagsen für 500 Euro den Besitzer. Der Autofahrer aus Hannover dachte, der Schmuck sei echt.

Ein jeder weiß: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und dennoch fallen seit Jahren immer mehr Menschen auf einen Trick herein, mit dem Betrüger aus Südosteuropa in ganz Deutschland, aber auch in der Schweiz und in den Niederlanden unterwegs sind. Bei den Polizeidienststellen sind unzählige Fälle aktenkundig.

Auch in unserer Region hat die Falschgold-Bande schon zugeschlagen – in Voldagsen im Landkreis Hameln-Pyrmont wurde ein Autofahrer aus Hannover von einem Kriminellen übers Ohr gehauen. In Selxen und in Bad Münder schöpften Frauen jedoch Verdacht – und informierten die Polizei. Der Trick funktioniert nur deshalb so gut, weil die ausländischen Täter auf die Hilfsbereitschaft gutgläubiger Menschen setzen können – und, weil sie die Geldgier mancher Leute kennen. Wer bei zweifelhaften Geschäften auf der Landstraße Dollar-Zeichen in den Augen habe, müsse sich nicht wundern, dass er abgezockt werde, meint ein Ermittler. Die Masche der Betrüger ist immer dieselbe: An Autobahn-Abfahrten und auf dem Standstreifen, aber auch an Bundes- und Landstraßen, täuschen sie eine Panne vor. Sie winken aufgeregt mit Abschleppseil oder Benzinkanister. Autofahrer, die anhalten, hören eine anrührende Geschichte: Man sei Tourist, das Geld alle, der Tank leer, das Auto kaputt. „Bitte helfen Sie uns. Wir kommen sonst nicht nach Hause“ – so oder ähnlich wird an die christliche Nächstenliebe appelliert. Manchmal ist die erfundene Geschichte auch makaber: „Meine Frau ist während der Reise gestorben. Sie soll in die Heimat übergeführt werden. Wir sind auf dem Weg zum Bestatter. Aber der Tank ist leer.“ Gern wird auch auf die kranke Oma verwiesen, die angeblich im Krankenhaus liegt und zu sterben droht. Wer mit ein paar Litern Sprit aushilft, bekommt Goldschmuck angeboten, den die „Dankbaren“ für einen Spottpreis verkaufen wollen. Wer sich auf das Geschäft einlässt und die glitzernden Ringe und Ketten genauer anschaut, wird in der Regel darauf sogar einen Feingoldstempelabdruck entdecken – und schon ist das Misstrauen verschwunden. Die Masche funktioniert auch mit anderen vermeintlich hochwertigen Produkten. Besonders gern werden minderwertige Lederjacken, billige Kochtöpfe oder gefälschte Messersets angeboten.

Ein 65-jähriger Mann aus Hannover ist vor wenigen Tagen an der Bundesstraße 1 Opfer der Fingerring-Trickbetrüger geworden. Es war gegen 11.30 Uhr, als er in Höhe des Bahnhofs Voldag-sen einen Mann sah, der an der Bushaltestelle neben einem schwarzen Mercedes stand und ihn durch Winken zum Anhalten aufforderte. Weil er helfen wollte, stoppte der Autofahrer. Der Tank sei leer und er benötige dringend Geld, erklärte ihm der Unbekannte, der die Panne vorgetäuscht hatte. Als Pfand wurden dem 65-Jährigen vier Ringe und vier Ketten, angeblich aus Gold, angeboten. Der Hannoveraner witterte wohl ein gutes Geschäft. Er willigte ein, nahm den Fremden mit zur nächsten Bank, hob dort Geld von seinem Konto ab und gab ihm 500 Euro. Wenig später kamen dem Mann jedoch Zweifel, und er suchte einen Juwelier auf. Dieser erklärte ihm, dass es sich bei dem teuren Goldschmuck um billige Imitate handelt.

Der Betrogene hatte sich das Kennzeichen des Mercedes gemerkt und zeigte den Fall bei der Polizei in Bad Münder an. „Die Überprüfung des deutschen Kurzzeit-Kennzeichens hat ergeben, dass als Tatverdächtiger ein 32 Jahre alter rumänischer Staatsangehöriger in Betracht kommt“, sagt Kommissar Dirk Barnert. Dieser Mann gehört zu einer Familie, deren Mitglieder am Samstag um 10.15 Uhr auf der Landesstraße 421 bei Bad Münder aufgefallen sind. Eine Autofahrerin war an der Friedhofskreuzung von einem Mann angehalten und um Geld gebeten worden. Auch dieser Verdächtige hatte vorgegeben, liegen geblieben zu sein, weil kein Tropfen Sprit mehr im Tank sei. „Der Frau kam das Verhalten des Mannes komisch vor, sie lehnte die Hilfe ab und informierte die Polizei“, erzählt Barnert. Einsatzbeamte rückten aus, um der Sache auf den Grund zu gehen. „Die Kollegen haben einen blauen VW Passat und einen blauen BMW vorgefunden. Die beiden Autos hatten britische Kennzeichen. In den Wagen saßen vier Erwachsene und fünf Jugendliche. Alle Personen gaben als Wohnort Städte in Rumänien an“, sagt Barnert. Einige Männer waren bereits „hinreichend bekannt“. Da die Anzeigeerstatterin nicht betrogen worden war, wurde gegen einen 29-Jährigen ein Ordnungswidrigkeitenverfahren wegen aggressiven Bettelns eingeleitet. „Weil der Tatverdächtige keinen Wohnsitz in Deutschland hat, wurde eine Sicherheitsleistung in Höhe von 125 Euro erhoben“, erklärt Kommissar Barnert.

Am Montag um 14.35 Uhr waren die Falschgold-Betrüger mit derselben Masche auf der Bundesstraße 1 bei Selxen unterwegs. Wie in Bad Münder war es ein blauer VW Passat mit britischen Kennzeichen, der angeblich kein Benzin mehr im Tank hatte. Eine Frau meldete den Fall der Polizei. Als die Ermittler vor Ort eintrafen, hatten sich die Gesuchten bereits aus dem Staub gemacht.

Zum ersten Mal seien Betrugsfälle wie diese der Inspektion Hameln/Holzminden angezeigt worden, sagt Kommissar Barnert. Nach Recherchen unserer Zeitung ist ein Trickbetrüger bereits am 29. April auf der B 1 zwischen Hameln und Groß Berkel tätig gewesen. „Er stand am Straßenrand, winkte mit einem Benzinkanister“, sagt Jens R. (41) aus Bad Pyrmont. Der Verdächtige machte einen verzweifelten Eindruck; er erzählte, er habe weder Sprit noch Geld, in Frankreich warte seine schwangere Frau. Jens R. hatte Mitleid, schenkte ihm fünf Euro, doch der Südosteuropäer wollte mehr Geld, drückte dem 41-Jährigen einen Ring in die Hand. „Ich habe ihn nach seinem Ausweis gefragt, und er hat ihn mir gezeigt“, sagt R. Womit der mutmaßliche Betrüger nicht gerechnet hatte: Jens R. hatte eine Kamera im Wagen und machte rasch ein Foto von dem Dokument. Den Fall hat der Pyrmonter nicht der Polizei gemeldet. „Ich hatte ja nur fünf Euro eingebüßt.“

Wie viele Menschen bereits mit diesem Trick übers Ohr gehauen wurden, ist unbekannt, denn die Falschgold-Abzocke zählt als gewerbsmäßiger Betrug und wird in der polizeilichen Kriminalstatistik nicht extra erfasst. Beim Landeskriminalamt Niedersachsen spricht Kriminalhauptkommissar Falco Schleier aber „von einer hohen Fallzahl“ und einem „weitverbreiteten Phänomen“. Laut LKA handelt es sich um „sehr mobile Täter, die nur auf Reisen sind, um dieses Delikt zu begehen“. Durch das Verhalten der Täter am Straßenrand würden „nicht unerhebliche Unfallgefahren provoziert“, so Schleier. Bei Hannover habe es im Zusammenhang mit solchen Trickbetrügern bereits einen schweren Verkehrsunfall gegeben.

Im Fach „Trickbetrug“ gibt es nichts, was es nicht gibt. Sogar ausgebuffte Kaufleute sind schon auf verrückten Hokuspokus und banale Taschenspielertricks hereingefallen. „Es kommt immer wieder vor, dass geldgierige Leute auf faulen Zauber hereinfallen“, sagte einmal Kriminalhauptkommissar Heinz Mikus, als er von einem unglaublichen Fall aus Bad Pyrmont berichtete. Es ging um Geldvermehrung durch Voodoo-Zauber. Das ist eine Spezialität von Schwarzafrikanern, die das Talent haben, Menschen glauben zu machen, dass sie Bares herbeizaubern können. Im November 2003 gelang es einem Mann (30) aus Kamerun, der sich ausgerechnet „Franz“ nannte, und einem Komplizen, einen Autohändler in Bad Pyrmont abzuzocken. Der Geschäftsmann traf sich mit den zwei Afrikanern in seinem Büro. Dort wurde ihm zunächst mit Aluminiumfolie, roter Flüssigkeit und einem simplen Taschenspielertrick vorgeführt, wie man aus einem 20-Euro-Schein drei Geldscheine machen kann. Seine Habgier wurde dem Mann zum Verhängnis. Denn er händigte den „Zauberern“ 15 000 Euro zur wundersamen Vermehrung aus. Mit Beschwörungsformeln und unter Einsatz von Atemschutzmasken, Chemikalien, Metallfolie, Klebeband und Papier wurde die magische Aktion dann in einem stockdunklen Flur durchgeführt. Zu guter Letzt seien die Geldbündel mit einer Autobatterie zusammengepresst worden, hieß es. Dann verschwanden die Afrikaner – und mit ihnen die Euro. Franz wurde später geschnappt.

Trickbetrügereien dieser Art werden polizeiintern als „Wash-Wash-Betrug“ bezeichnet. Bereits drei Jahre zuvor hatten ein Kameruner (30) und ein Libanese (27) in Hameln versucht, einen Gebrauchtwagen-Händler zu betrügen. Auch in diesem Fall hatte der in teure Kleider von Armani und Versace gehüllte Schwarzafrikaner behauptet, er könne Geld vermehren. Bevor der Kaufmann um 100 000 Mark geprellt wurde, nahm die Polizei das Duo in Hameln fest. Die Polizei vermutete damals, dass die beiden „Magier“ schon viele Menschen hinters Licht geführt haben. „Die Dunkelziffer ist sicher sehr hoch. Denn die Geprellten schweigen aus Scham.“

Das Präventionsteam der Polizei rät:

Seien Sie wachsam und misstrauisch, wenn Sie bedrängt oder abgelenkt werden.

Halten Sie nur an, wenn Hilfsbedürftigkeit zu erkennen ist. Verständigen Sie unverzüglich die Polizei.

Dieser Mann steht im Verdacht, ein Falschgold-Trickbetrüger zu sein. Beim Versuch, unseren Leser Jens R. abzuzocken, wurde sein Ausweis fotografiert.

Artikel vom 01.09.2010 - 19.39 Uhr
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