Hessisch Oldendorf

Von den Feldern gleich in die Biogasanlage
Von Peter Jahn

Hessisch Oldendorf. Sie fahren noch immer, die Mähdrescher, denn es gilt, den letzten Weizen einzufahren, bevor der nächste Regen kommt. Einfahren, für viele Landwirte bedeutet dies nicht, das Korn ins eigene Lager zu kippen, um es in Wochen oder Monaten zu verkaufen oder ans Vieh zu verfüttern. Die Qualität des Weizens ist inzwischen so schlecht, dass viele Tonnen nicht einmal mehr so richtig als Viehfutter taugen. Carsten Amelung aus Lachem und etliche seiner Berufskollegen im Weserbergland fahren große Teile des Weizens, den sie jetzt noch von den Feldern holen, in Biogasanlagen.

„Bei 20 Prozent Feuchte, was soll man da noch machen“, zuckt Carsten Amelung mit den Schultern. Am Sonntagabend hat er das Korn nicht mal mehr aus dem Tank des Mähdreschers bekommen. „Da musste ich rein und schaufeln“, sagt der Landwirt. Gestern am frühen Nachmittag ging es weiter auf einem seiner Felder bei Hemeringen. Früher kann man nicht beginnen, die Sonne muss den Tau der Nacht erst abtrocknen. Gegen 15 Uhr kommt der erste Hänger am Hemeringer Kreisel an. Auf dem Gelände der Biogasanlage wird die Ladung gewogen und abgekippt. Auch aus Hessisch Oldendorf, wo die Mähdrescher rollen, kommen volle Getreidezüge an.

„Die Körner haben lange Auswüchse, die Mehlkörper sind aufgezehrt“, erklärt Reinhard Sporleder von Agravis in Hemeringen. Nur am Anfang der Ernte war bei der Genossenschaft an der Herkendorfer Straße Weizen mit Backqualität angeliefert worden. Dann kam die Regenperiode, und die Qualität war dahin. Der Weizen begann auszuwachsen, trieb Keime und taugte damit nur noch zum Füttern. Die Futterwerke kauften, je länger die Ernte dauerte, aber mehr und mehr „erst nach Bemusterung“, wie Reinhard Sporleder ausführt. Selbst als Futter ist das Korn nur noch bedingt zu gebrauchen. Für ganz schlechte Qualität bleibt nur noch die Biogasanlage.

Seit Freitag sind die Bauern wieder am Mähen. Bis gestern Nachmittag wurden auf der Biogasanlage am Hemeringer Kreisel 160 Tonnen angeliefert, wie Falk Rekate, Mitgesellschafter und Anlagenbetreuer, sagt. „Diese Menge ist frisch nicht zu verarbeiten“, betont er. Täglich können maximal vier Tonnen eingesetzt werden. „Wir mischen den Weizen mit Gras, das wir frisch silieren“, erklärt Falk Rekate.

Mit der Qualität sank auch der Preis. Weizen mit Backqualität ist gefragt und wird gut bezahlt. Für Futterweizen gibt es auch noch um die 180 Euro pro Tonne. Deutlich weniger ist es für die Lieferung zur Biogasanlage. Wer zum Erntebeginn gute Ware eingefahren hat, kann Verluste ausgleichen, macht vielleicht sogar einen Gewinn. Wer lange pokerte, gehört in diesem Jahr zu den Verlierern.

Auf 43,9 Millionen Tonnen schätzt der Deutsche Bauernverband die Getreideernte in Deutschland, das sind 11,8 Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Für Niedersachsen wird die Getreideernte auf rund 5,87 Millionen Tonnen geschätzt. Damit würde sie um 13,2 Prozent geringer ausfallen als 2009. Da die Ernte in diesem Jahr durchschnittlich ist und ausreichende Lagerbestände vorhanden sind, könne von Versorgungsengpässen bei Getreide keine Rede sein, heißt es beim Bauernverband. Das Argument der knappen Versorgung bei der Diskussion über Preissteigerungen dürfte damit nicht ziehen.

Carsten Amelung hofft, dass er bis heute Abend den letzten Weizen gemäht hat. Er hat sich einen weiteren Mähdrescher zur Hilfe geholt, damit er fertig wird, bevor der nächste Regen einsetzt – und der ist bereits vorhergesagt. Wer seine Weizenfelder abgeerntet hat, kann mit der Bestellung weitermachen. Raps wird in diesen Tagen gedrillt. Der Mais hat sich nach dem Regen im August gut entwickelt. Nach den schlechten Bedingungen im Mai, der recht kalt war, dem schlechten Wachstum während der Trockenheit im Sommer, hatten die Landwirte Mindererträge befürchtet. Der Regen im August tat dem Mais aber gut, so dass der Ertrag zumindest durchschnittlich werden dürfte. Die Reife ist jetzt deutlich fortgeschritten, so wird es nicht mehr lange dauern, bis die Häcksler auf die Felder fahren. „Wir wollen am 20. September mit dem Maishäckseln beginnen“, sagt Falk Rekate.

Artikel vom 06.09.2010 - 19.00 Uhr
drucken
Diesen Artikel versenden


   
versenden

Artikel kommentieren






Startseite | Lokales | Überregionales | Sport | Magazin | Kultur | Anzeigenmarkt | Service | Impressum
© C. Bösendahl GmbH & Co. KG
Eine starke Gruppe: Deister- und Weserzeitung | Pyrmonter Nachrichten | Dewezet Bodenwerder | Schaumburger Zeitung | Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung | Deister-Leine-Zeitung | Neue Deister-Zeitung | Wesio | Weserbergland.Com | Medien 31