Hessisch Oldendorf

Menschen und Sitten machen Religion erst lebendig

Hessisch Oldendorf (ah). Die Rolle der Frau im Islam – angesichts der öffentlichen Diskussion ein spannendes Thema. Veranstaltungen dazu können Chancen zur ideellen Annäherung, zum besseren Verständnis einer für Christen nicht vertrauten Kultur bieten. Verhinderung von Diskriminierung und Ausgrenzung, Einsetzen für soziale Anerkennung, Achtung, gegenseitigen Respekt und Chancengleichheit für alle Menschen im Landkreis – das schreibt sich das Integrationsbüro für Migration im Landkreis Hameln-Pyrmont auf die Fahne.

Hamideh Mohagheghi, Dozentin der islamischen Theologie kennt sich aus. Sie ist vor 33 Jahren aus dem Iran der Liebe wegen nach Deutschland gekommen, studierte zuerst Jura. Heute lehrt sie an der Universität Paderborn, an der alle Lehramtsstudenten im Fach Religion ein Pflichtsemester in islamischer Theologie belegen. Der Koran, die Auslegung von Suren steht im Mittelpunkt ihrer Ausführungen zu „Frauen im Islam“. Hamideh Mohagheghi spricht öffentliche Meinungen wie „der Islam ist frauenfeindlich“ an, erinnert an gewalttätige Auseinandersetzungen, die durch die Medien gingen, nennt diese jedoch „Missbrauch durch patriarchalische Machtsysteme“. „Alle Menschen sind vor Gott gleich“, zitiert sie den Koran, betont, eine Frau habe sehr wohl das Recht auf Selbstbestimmung und nennt konkrete Beispiele. Es gehe eindeutig gegen die Prinzipien des Islams, wenn Frauen sich beispielsweise nicht von zu Hause entfernen dürften. Kritische Fragen aus dem Publikum zum Kopftuch in der islamischen Gesellschaft beantwortet die selbst Kopftuch tragende Iranerin bei einer gemeinsamen Veranstaltung des Integrationsbüros für Migration im Landkreis Hameln-Pyrmont und des Hessisch Oldendorfer Vereins für Kinder und Jugendarbeit (viel) zu theoretisch. Wer erwartet hatte, dass sie aus ihrem eigenen Leben, aus ihrer Erfahrung erzählt, Einblick gibt, ob Jugendliche und junge Frauen freiwillig, aus Traditionsbewusstsein oder notgedrungen ihren Kopf bedecken, wird enttäuscht.

Allerdings mehren sich angesichts der Kopftuch-Debatte Stimmen, die fragen, warum statt des Kopftuches nicht auch einmal angeprangert wird, dass hierzulande Eltern ihre minderjährigen Kinder „fast nackig“, sprich: bauchfrei in Kindergarten und Schule schicken. Um Vorurteile abzubauen oder Überzeugungsarbeit zu leisten, bleibt die Veranstaltung im Koulturismusforum der Stadt zu theoretisch, bewegt sich zu sehr auf der theologischen Schiene, der Auslegung des Korans. Dabei sagt Hamideh Mohagheghi selbst: „Religion entsteht nicht allein, sondern wird lebendig durch Menschen und Sitten.“ Doch ein bewusst lebensnaher Teil, basierend auf Beispielen von Frauen im Islam, ein direkter Austausch mit ihnen fehlt. Außer Hamideh Mohagheghi befindet sich keine Muslima im Raum, die zur Frauenrolle im Islam Bezug nehmen könnte. Das erstaunt, wird aber damit begründet, dass Ramadan ist und die Frauen nach Sonnenuntergang mit ihren Familien essen. Hamideh Mohagheghi selbst hat ebenfalls seit Sonnenaufgang auf Essen und Trinken verzichtet und greift erst spät, als es draußen dunkel ist, zum ersten Schluck Wasser.

Hamideh Mohagheghi (re.) im Gespräch mit Integrationsberaterin Hyunhi Oberbeck.

Foto: ah

Artikel vom 05.09.2010 - 19.00 Uhr
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