Hessisch Oldendorf

Fasten ist für Gläubige mehr als nur Verzicht

Nicht rauchen, keine Süßigkeiten, ohne Alkohol oder vielleicht auch auf Musik und Tanz verzichten – es gibt viele Möglichkeiten beim Fasten.Foto: ah

Hessisch Oldendorf (ah). „Für mich bedeutet Fasten, bewusst auf etwas zu verzichten“, erzählt ein Katholik aus der Kernstadt, der seit vielen Jahren von Aschermittwoch bis Ostern Süßigkeiten und Kuchen aus seinem Speiseplan streicht. Wie die meisten Befragten möchte er seine Identität nicht preisgeben, weil er mit dem Fasten nicht hausieren gehe. Das habe nichts mit Scham oder einem Geheimnis zu tun, betont er und ergänzt: „Fasten ist meine persönliche Erfahrung, gehört einfach zu meinem christlichen Leben dazu – wie bei vielen anderen aus der Gemeinde auch.“

Eine katholische Krankenschwester hat es sich auferlegt, 40 Tage lang keinen Kaffee zu trinken. „Für mich ist das ein echter Verzicht“, sagt sie und fügt hinzu: „Nicht nur das Entsagen gewisser Lebens- und Genussmittel prägt die Fastenzeit, es gehört auch Gebet, Besinnung und Spiritualität dazu.“ Der römisch-katholischen Liturgie nach ist die Fastenzeit als „österliche Bußzeit“ vorgesehen. Sie dient der Vorbereitung auf Ostern und erinnert an die 40 Tage, die Jesus fastend und betend in der Wüste verbrachte und sich sammelte, bevor er sich in die Öffentlichkeit begab.

Eine Auswertung von Berichten, wie Fastende diese Zeit bis zum Osterfest gestalten, macht schnell deutlich: Fasten ist weit mehr als eine Diät und funktioniert auch nicht wie ein Vorsatz zu Silvester. Flora Mennicken trägt ein lilafarbenes Band um ihr Handgelenk. „Das erinnert mich an das Fasten“, erklärt die 16-Jährige, die 40 Tage auf Süßigkeiten, Lästern und Fluchen verzichten will. „Ich versuche mir bewusst zu werden, in welchen Situationen und wie oft ich in Gefahr bin, abfällige Worte auszusprechen“, sagt die in der evangelischen Jugend Aktive. Bereits zum dritten Mal zieht auch die 20-jährige Theresa Gerland „sieben Wochen ohne“ durch.

An der bundesweiten Fastenaktion der evangelischen Kirche nehmen mittlerweile mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland teil. Eine Modeerscheinung? Keinesfalls. Verzicht durch Fasten ist ein fester Bestandteil aller Weltreligionen. „Fasten dient der Unterbrechung im Alltag, der Neuorientierung, der Gotteserfahrung und soll keinesfalls Selbstquälerei sein“, betont der katholische Pfarrer Martin Brzenska, dem bewusst ist, dass „die Buß- und Fastenzeit nach außen hin eher etwas Düsteres an sich hat“.

„Mir gibt die Passionszeit den Anlass, mich auf den Weg zu machen, sagt Matthias

Voigt, der abends gerne mal ein Glas Wein trinkt. Konsequent meidet der Fischbecker Pastor seit knapp zehn Jahren in den Tagen zwischen Aschermittwoch und Ostern Alkohol. „Für mich ist es gut, mir bewusst zu machen, dass Verzichten von der verkehrten Selbstverständlichkeit wegführt“, erläutert er. Alljährlich bricht er an einem Tag sein Fasten: „Es berührt mich sehr, an Gründonnerstag beim Tischabendmahl im Hochchor der Stiftskirche in der Gemeinschaft einen Schluck Wein zu trinken“, verrät er und ergänzt, Fasten führe „zu bewusstem Nachdenken, zu einem Wiederentdecken des Lebens und der Nähe Gottes – so wie Ostern“. Nicht nur für ihn ist Fasten bei weitem nicht nur Verzicht, sondern bedeutet auch Gewinn.

„Unsere Kinder haben sich vorgenommen, einmal in der Woche zu musizieren, um wieder mal etwas gemeinsam zu machen“, erzählt eine Mutter. Eine andere Fastende verrät, dass sie ihr Handy in die Schublade gelegt hat, um mehr Ruhe für andere Dinge zu finden. Mehrere Befragte, denen es ganzjährig an Zeit mangelt, specken ihren Terminkalender ab. Andere wollen sich bewusst mehr Zeit nehmen, um Menschen zu besuchen, die allein oder krank sind. Das Fernsehgerät bleibt ausgeschaltet; auf diese Weise wird in vielen Familien der Hunger nach gemeinsam verbrachter Zeit, nach Gesellschaftsspielen und Büchern gestillt und ausgiebig miteinander geredet. Nur eine Jugendliche gibt an, vor Ostern zu fasten, um etwas für die schlanke Linie zu tun.

Um im religiösen Sinne zu fasten, bedarf es einer Veränderung im gewohnten Lebensrhythmus, die viele als besonders wertvoll empfinden. „Wir besprechen in der Familie, welche Chance uns die Fastenzeit gibt“, erklärt eine Katholikin und führt weiter aus: „In diesen Wochen erfahren wir unseren Glauben tiefer, inniger und erkennen, dass Verzichten uns eigentlich reicher und freier macht.“ Pfarrer Brzenska fasst es so zusammen: „Im um des Glaubens willen einfach gestalteten Leben erkennen wir seinen Wert neu.“ Die katholische und die evangelische Kirche bieten in Buß- beziehungsweise Passionsandachten die Gelegenheit, das, was sich alles „eingeschliffen“ hat, zu überdenken – auch eine Form des Fastens.

Artikel vom 26.02.2010 - 19.00 Uhr
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