Hessisch Oldendorf
Alte Stiftsmauer hilft jungen MenschenVon Peter Jahn
Fischbeck. Man hört das Hämmern schon von weitem, wenn man sich von Westen dem Hintereingang nähert. An der Stiftsmauer machen sich junge Leute zu schaffen, mit Hammer und Meißel, ein Maurergeselle ist dabei, setzt Steine wieder ein und gibt den jungen Leuten Tipps. Hermann Bolte, der Maurer war selbst arbeitslos und ist froh, dass er über das Arbeitsamt bei der Jugendwerkstatt für ein Jahr eine Beschäftigung gefunden hat.
Von dem Projekt profitieren nicht nur die Jugendlichen, die an die Arbeitswelt herangeführt werden, und der Handwerker, auch das Stift zieht seinen Nutzen daraus, denn die historische Mauer wird wieder in Ordnung gebracht. Etliche Meter Mauer sind bereits geschafft. Besucher staunen immer wieder über die Südmauer, die völlig abgerissen werden musste. Danach haben junge Leute der Jugendwerkstatt ein neues Fundament gegossen und die Natursteine wieder aufgesetzt. Über die Wurzeln einer alten geschützten Linde, die aus dem Erdreich herausragten, haben die fleißigen Handwerker einen Bogen gebaut. Der inzwischen rund 200 Jahre alte Riese kann sich frei entfalten, seine Wurzeln können das Mauerwerk nicht mehr anheben. 18 Meter ist die neu aufgebaute Mauer lang und zwei Meter hoch. Ein richtiger Hingucker.
So soll es auch an der Westmauer werden. Das erste fertige Stück direkt neben der Einfahrt zieht die Blicke bereits an. „50 Meter haben wir bereits fertig, es fehlt in einem Teilbereich noch die Abdeckung der Mauer“, sagt Norbert Friedrich. Der Maurermeister ist bereits seit vier Jahren bei der Jugendwerkstatt in Hameln. Friedrich hat Erfahrung mit altem Gemäuer und in der Arbeit mit jungen Menschen. Am Schloss Bevern hat er bei der Renovierung mitgewirkt, seit nunmehr 20 Jahren ist er außerdem beim Bildungswerk in den Bereichen Jugend- und Erwachsenenbildung tätig.
Mit Norbert Friedrich ist heute auch Ulrich Bienert auf die Baustelle im Stift gekommen. Er ist Integrationsbeauftragter. Beide sprechen mit den jungen Leuten, die fleißig an der Mauer arbeiten. Die Fugen werden ausgekratzt und wieder neu verstrichen. Ein Stück der historischen Mauer ist bei den Arbeiten eingefallen, muss wieder aufgebaut werden. An dieser Stelle ist Hermann Bolte tätig, dem ein junger Mann gerade eine Schubkarre voll mit Mörtel bringt, den dieser an der Stiftsscheune angemischt hat.
„Wir haben hier viel Arbeit – aber das ist gut, besser als den Tag über rumzugammeln“, sagt Carsten Kulka. Der 19-Jährige aus Hämelschenburg würde zwar „lieber als Kfz-Mechaniker arbeiten, doch ich habe noch keine Ausbildungsstelle gefunden“. Er sucht weiter und findet den Tag auf der Baustelle an der frischen Luft recht gut. „Hier kann man etwas dazulernen“, sagt er. Die anderen jungen Leute nicken und pickern weiter in den Fugen. „Die Arbeit hier ist für die jungen Leute eine gute Erfahrung. Sie lernen hier etwas, was andere nicht können“, betont Hermann Bolte. Die Jugendlichen haben zumeist keinen Abschluss, werden von der Jugendwerkstatt auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. „Es geht darum, dass sie Tugenden wie Pünktlichkeit und Ausdauer bei der Arbeit und Teamfähigkeit erlernen – hinzu kommen die handwerklichen Fähigkeiten und Fertigkeiten“, sagt Norbert Friedrich.
Noch rund zwei Jahre wird die Arbeit dauern, bis die westliche Stiftsmauer fertig sein wird. So sind noch rund 35 Meter Ziegelmauer zu ersetzen. Die Backsteine sind brüchig geworden, noch nicht entschieden ist, ob der Mauerteil mit Sandsteinen aufgebaut wird. Die zwei Jahre sind eine Zeit, damit „mit diesem Projekt nicht nur die Mauer, sondern auch das Leben junger Leute auf Reihe gebracht wird“, wie es Klaus-Dieter Jösten ausdrückte, als im vergangenen Jahr mit diesem Projekt gestartet werden konnte. Und er erklärte damals weiter: „Die Mauer kann für die Jugendlichen auch als Brücke in ein normales Leben gesehen werden.“ Neben der Jugendwerkstatt sind bei diesem Projekt auch das JobCenter, das Stift und die Klosterkammer im Boot.