Eilsen

Ein unerwartetes Gnadengesuch

Bad Eilsen (gp). Am 3. Januar 1947 wurde in Bad Eilsen Eleonore Wiser ermordet. Die Nachricht löste – selbst in der an Gewaltdelikten nicht gerade armen Nachkriegszeit – weit über den Kurort hinaus Wut, Trauer und Entsetzen aus. Das 56-jährige Opfer war die Witwe des bekannten Augenarztes Dr. Maximilian Wiser. Der als internationale Kapazität auf seinem Gebiet geltende Mediziner hatte bis zu seinem Tode im Jahre 1938 – zusammen mit seinem Nachfolger Dr. Friedrich von Tippelskirch – den guten Ruf des aufstrebenden fürstlichen Heilbades mitbegründet.

Eleonore Wiser, geborene Gräfin von Kanitz, hatte nach dem Einmarsch der Besatzungstruppen, wie viele andere Eilser Einwohner auch, ihre stattliche Wohnvilla in der Dr.-Faber-Straße räumen müssen. Immerhin wurde ihr erlaubt, auf dem Grundstück zu bleiben und sich mehr schlecht als recht in einem zuvor als Garten- und Gewächshaus genutzten kleinen Nebengebäude einzuquartieren. Um überleben zu können, betrieb die als lebenstüchtig und zupackend bekannte Adlige eine Kaninchenzucht.

Über den Tathergang und die Stunden zuvor wurden später mehrere Versionen erzählt. Sicher ist, dass Eleonore Wiser am besagten 3. Januar 1947 mit dem „Eilser Minchen“ nach Bückeburg gefahren war – vermutlich, um dort ein Kaninchen, ein Schmuckstück oder etwas anderes aus ihrem Privatbesitz zu Geld zu machen. Auf der Rückfahrt begegnete sie ihrem im gleichen Abteil mitfahrenden Mörder. Unklar blieb, ob und wie er mitbekam, dass sie eine größere Summe bei sich hatte. Als sie an der Endstation ausstieg, folgte der Fremde ihr. Es kam zu einem erbitterten Kampf. Die Gräfin wurde brutal mit einem Kantholz erschlagen. Sie starb an Schädelbruch und Gehirnbluten. Der Fremde flüchtete mit ein paar Kaninchen und 500 Reichsmark.

Als Mörder wurde aufgrund von Hinweisen der Mitreisenden schon bald ein 33-Jähriger namens Kurt Hinzdorf ermittelt. Der ehemalige, aus Südhorsten in der Gemeinde Helpsen stammende Wehrmachtsfeldwebel wurde im November 1947 in Bückeburg zum Tode verurteilt.

Zur Vollstreckung kam es jedoch nicht. Der neue Grundgesetzentwurf sah die Todesstrafe im Nachkriegsdeutschland nicht mehr vor. Das Urteil wurde in „lebenslänglich“ umgewandelt.

In das verwaiste Anwesen der kinderlosen Wisers zog später Ex-Generalmajor Hans Graf von Kanitz, ein Bruder der Ermordeten, ein. Von Kanitz war Vorsitzender der „Kornelius-Bruderschaft“, einer bereits Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten und später vom NS-Regime verbotenen Vereinigung christlicher Offiziere. Die Mitglieder der sich heute „Cornelius-Vereinigung (CoV)“ nennenden Gemeinschaft zeichneten und zeichnen sich durch bewusste Selbstverpflichtung zu christlich-humanitärem Denken und Handeln aus.

Dieser Ehrenkodex und seine Erfahrungen als Frontoffizier ließen von Kanitz auch beim Gedanken an den Mörder seiner Schwester nicht los. Er besuchte Hinzdorf im Zuchthaus, um auszuloten, ob und in welchem Umfang der Krieg zu dessen Gewaltbereitschaft und Verrohung beigetragen hatte. Danach reichte von Kanitz mit Erfolg einen Begnadigungsantrag ein – ein nach Aussage des Bückeburger Oberstaatsanwaltes Gerhard Ihle, der den Fall zu bearbeiten hatte, in dessen langer Karriere einmaliger Vorgang.

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Die Wisers hatten sich noch zu Lebzeiten eine Waldbestattung oberhalb Bad Eilsens gewünscht. Dieser Wunsch wurde ihnen 1938 (Maximilian) und 1947 (Eleonore) erfüllt. Vor zwei Jahren hat der Heimat- und Kulturverein eine Art Gedenkstätte eingerichtet. Fotos: gp

Artikel vom 27.08.2010 - 19.06 Uhr
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