Bückeburg

Wie man sich im Gestern orientieren kann…

Ein Mitarbeiter zeigt Besuchern digitalisierte Glasnegative. Foto: mig

Bückeburg (mig). Dreieinhalb Kilometer Akten, 5000 mittelalterliche Urkunden und 2000 Karten und Pläne: Im Staatsarchiv Bückeburg lagern zahlreiche unersetzliche Dokumente. Die meisten Schriftstücke sind den Augen der Öffentlichkeit entzogen, anlässlich des fünften „Tages des offenen Archivs“ durften Besucher ausnahmsweise einen Blick hinter die Kulissen werfen. Sie erfuhren, wie man sich im Gestern orientieren kann.

Das Empfangs-Magazin– der „Magen“ des Staatsarchivs – ist ein Ort, den Unbefugte sonst nie zu sehen bekommen. Dort werden die neuen Akten und Dokumente erst einmal abgelegt, später werden sie weiterbearbeitet und eingegliedert. Auf den Regalen stapelt sich eine Unmenge an Papier. Lediglich kryptische Kürzel weisen auf den Inhalt hin. Wer hier etwas sucht, hat schon verloren – oder er nutzt die sogenannten Findebücher, die im Obergeschoss stehen.

Auch Stefan Brüdermann muss manchmal länger suchen, wenn er eine bestimmte Akte einsehen will. „Hier ist von oben bis unten alles vollgestopft“, sagt der Archivleiter schmunzelnd und führt die Besucher in den Kartenraum. „Wichtig ist, dass die Archivalien langfristig gut gesichert sind, nicht so sehr, dass sie schnell erreichbar sind. Jede unserer Archivalien wird statistisch nur einmal in 20 Jahren benutzt.“

Unter dem Teil eines alten Himmelbetts – angeblich hat Kaiser Wilhelm dort geschlafen – kommt Brüdermann dann auf den Einsturz des Kölner Stadtarchivs zu sprechen. Damit habe keiner gerechnet, gibt der Archivchef zu und erklärt, wie lange die Restaurierung der wiedergefundenen Dokumente noch dauern könnte. „So eine Katastrophe hat es in Hannover auch schon einmal gegeben – nach dem Leine-Hochwasser 1946. Die Arbeit in Köln wird wohl noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen.“ Damit so etwas nicht auch in Bückeburg passiert, setzt man hier auf eine Reproduktion der Archivalien. „Im Gegensatz zu den Kölner Kollegen haben wir viele Dokumente auf Film gesichert.“ Und auch die im Haus vorangetriebene Digitalisierung hilft bei der Sicherung. „Über ‚Aida online‘ kann man 50 Prozent der Findebücher im Internet einsehen.“

Original-Urkunden konnten dagegen die zahlreichen Sonntags-Besucher bestaunen. Unter anderem zu sehen war die älteste heute noch erhaltene Urkunde, die je im Zusammenhang mit dem heutigen Schaumburger Land angefertigt worden ist. Am 13. August des Jahres 896 – also vor mehr als 1100 Jahren – hat Kaiser Arnulf seine Erlaubnis bekundet, dass in Möllenbeck ein Kloster gegründet wird. Das gewaltige Siegel bildete den Blickfang der kleinen Ausstellung. „Man steht schon ehrfürchtig davor“, versichert Besucherin Margit Klose, „Ich mag altes Papier und die riesigen alten Siegel.“ Peter Zabold aus Luhden ist dagegen aus einem ganz anderen Grund zum Staatsarchiv gekommen. Gemeinsam mit Mitstreitern betreibt er Heimatforschung – gegen Ende des Jahres soll eine Dorfchronik erscheinen. „Mich interessiert gerade die Dorfschule in Luhden und welche Schüler sie besucht haben.“

Etwas Glück benötigt Zabold schon, um im Staatsarchiv fündig zu werden. Oft bildet der Dreißigjährige Krieg die Grenze – „da wurde vieles zerstört“. Außerdem sind Urkunden für einen Privatmann oft schwer lesbar. „Manch ein Pfarrer hat geschmiert“, scherzt der Leiter. Heute sind die Auswahlkriterien strenger, nur noch rund ein Prozent der Behördenakten werden aufbewahrt. „In den Behörden wird eine Unmenge an Papier produziert. Wir versuchen, ein Bild der Zeit zu liefern“, sagt Brüdermann. Aufgenommen wurde beispielsweise die Gerichtsakte zu den sogenannten „Geburtstagsprügeln“ vor einigen Jahren an einer Stadthäger Schule. „Dafür fällt dann mal ein Mord weg.“

Brüdermann weiß, dass noch eine Menge Arbeit wartet: „Da wird noch einiges passieren müssen.“ Außerdem setzt das Staatsarchiv auf eine weitergehende Öffnung, der landesweite Tag des offenen Archivs ist da nur ein Baustein eines langfristigen Konzepts. „Wir legen Wert darauf, Schüler anzusprechen, das Archiv zu öffnen“, betont Brüdermann.

Artikel vom 08.03.2010 - 23.00 Uhr
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