Bückeburg

„Man macht und macht und wird beschimpft“
Von Michael Grundmeier

Ehrenamtliche der „Bückeburger Tafel“ in ihrer „Verwert-Bar“: In diesem Jahr feiert die Einrichtung zehnjähriges Bestehen. Fotos: mig

Bückeburg. Vor der Tür der „Bückeburger Tafel“ hat sich schon eine kleine Schlange gebildet. Rund 30 Menschen warten auf die Ehrenamtlichen der „Verwert-Bar“, jeder hält eine große Tüte in der Hand. Etwas abseits steht ein älterer Herr: feiner Mantel, polierte Schuhe, Hut. Der Pensionär ist eigentlich nicht so gekleidet, als gehöre er hierher.

Doch das Aussehen kann täuschen, wie „Tafel“-Chefin Karin Gerstenberg weiß: „Es gibt viel versteckte Altersarmut. Gerade ältere Menschen schämen sich dann sehr, hierherzukommen.“ Dreimal in der Woche öffnet die „Verwert-Bar“ der „Bückeburger Tafel“ ihre Pforten. In diesem Jahr begeht die „Tafel“ ihren zehnten Geburtstag, mitten in der Sozialstaatsdebatte ist den Besuchern aber nicht zum Feiern zumute. Das gilt offensichtlich auch für den Herrn im feinen Mantel. Erst nachdem die meisten Kunden im Inneren des Gebäudes verschwunden waren, zieht der alte Mann eine zusammengefaltete Baumwolltasche hervor und eilt in das Haus Dammstraße 11. Sein Besuch ist ihm ganz offensichtlich peinlich.

Über diese Schwellenangst ist ALG-II-Bezieherin Kerstin Meier (Name geändert) längst hinweg. Die „Alleinerziehende“ bekommt 604 Euro monatlich – viel zu wenig, um ein Kind über die Runden zu bringen. „Am schlimmsten ist, dass ich meinem Sohn nicht das geben kann, was ich möchte“, sagt sie, „ein Kind möchte ja auch mal ein Spielzeug.“ Zwar bekommt Meier Unterhalt und Kindergeld, beides wird ihr aber auch voll angerechnet. Die Konsequenz: „Ich spare und spare, gönne mir selber gar nichts mehr. Ohne die Kleiderkammer und die ‚Tafel‘ wüsste ich nicht, wie wir mit dem Geld hinkommen sollten.“

Der einzige Lichtblick bietet sich Meier im „Tafel-Emma-Laden“ an der Dammstraße. Hier ist alles schön hergerichtet, das Sortiment – bei einer gesicherten Kühlkette – hygienisch verpackt. „Mit den Lebensmitteln von hier kann ich mein Kind ausgewogen ernähren, sogar eine Blume haben wir bekommen“, freut sich die 41-Jährige. Dann aber vertiefen sich die Falten in ihrem Gesicht wieder – mit einer Freundin diskutiert sie über die Äußerungen Guido Westerwelles. „Wenn man so etwas hört, zieht man sich doch noch mehr zurück. Das tut einem richtig weh. Man macht und macht und muss sich dann auch noch beschimpfen lassen.“

Eine Position, die auch Peter Schlusche aus Bückeburg teilt. Der 45-Jährige arbeitete als Restaurant-Manager bis zum „Burn-out“. „Den Stress habe ich gar nicht bemerkt, ich hatte viel Spaß an meinem Job“, sagt er. Die Folge: Schlusche wurde arbeitslos, bekommt derzeit Hartz IV. „Das Leben wird damit zum Überlebenskampf, bei der ‚Tafel‘ war ich aber noch nicht.“ Um seine Situation zu ändern, hat der gelernte Betonbauer schon alles versucht. Jeden Morgen steht er um halb sechs auf und schreibt Bewerbungen. Sein Motto: „Hauptsache so schnell wie möglich raus aus Hartz IV.“ Dazu würde er auf jedes Arbeitsangebot reagieren, wäre sogar bereit zum viel zitierten Schneeschaufeln. Aber: „Die derzeitige Diskussion erinnert mich an das Mittelalter, alle werden über einen Kamm geschoren, man schämt sich.“ Das soll sich ändern. Um wieder in die Aktion zu kommen, hat Schlusche ein Buch („Hartz IV und Wir“, verlegt bei „Books on demand“) geschrieben. „Ich habe festgestellt, dass es nur wenige Bücher von Betroffenen gibt; meines ist ehrlich und schonungslos. Es ist ein Bericht über eine schwere Zeit, wie sie nicht nur von mir selbst, sondern auch von Hunderttausenden anderen Menschen in unserem Land erlebt wird.“

Diese Menschen kennt auch Karin Gerstenberg. Sie bilden die Klientel der „Tafel“: „Treffen kann es jeden“, sagt die „Tafel“-Chefin. In der Dammstraße bekommen sie dringend benötigte Lebensmittel, aber auch Unterstützung ganz allgemeiner Art. „Bei uns können sie ihre Sorgen loswerden, wir sind auch ein Kommunikationsort,“ betont Gerstenberg.

Und ein Ort der Betriebsamkeit: Die Ehrenamtlichen fangen jeden Morgen um 8 Uhr an, seit Jahren gibt es – wie die Zahlen der Lebensmittelausgaben zeigen – immer mehr zu tun. Im Jahr 2008 waren es 43 368, im Jahr 2007 „nur“ 33 877 – fast 10 000 mehr in nur zwölf Monaten.

Peter Schlusche aus Bückeburg hat ein Buch über sein Leben mit Hartz IV geschrieben – das Cover hat er selber gemalt.

Artikel vom 10.03.2010 - 23.00 Uhr
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