Auetal
Brillant-virtuoser Klangzauber mit ChopinZweieinhalb Stunden lang verzauberte Ingmar Lazar das Publikum in der Alten Molkerei. Foto: la
Auetal (dis). Der Auetaler Kulturverein hatte am Sonntagabend mit dem 18-jährigen Pianisten Ingmar Lazar ein Ausnahmetalent in den Spiegelsaal der „Alten Molkerei“ verpflichten können, von dessen Chopin-Spiel die Zuhörer so angetan waren, dass sie sich nach zweieinhalb Stunden mit stehenden Ovationen verabschiedeten.
Derzeit studiert der junge, mehrfach ausgezeichnete Franzose am Institut für Frühförderung an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Ganz bescheiden im Auftritt, stellte er sich der Aufgabe, die vom bekannten Moderator Peter Apel anschaulich und sehr kompetent nachvollzogenen künstlerischen Schaffens- und Lebensperioden Chopins am wohlklingenden Flügel in allen farblichen Facetten nachzuvollziehen. Dabei widerstand er der Versuchung, mit bloßem Virtuosentum zu glänzen. Indes beeindruckte er durch plastische Detailgestaltung, und es gelang ihm hervorragend, die unterschiedlichen Stimmungen der Stücke freizulegen. Chopin, halb Pole, halb Franzose, starb mit 39 Jahren an TB und kränkelte während seines kurzen, aber turbulenten Lebens permanent. In seiner Musik offenbaren sich Selbstbewusstsein, Stolz, aber auch Sorgen, Trauer und Bedrängnis. Dies und mehr Persönliches über des Komponisten Zusammenleben mit seiner Muse George Sand verdeutlichte Peter Apel wie gesagt im Wechsel mit den zur jeweiligen Situation passenden Klavier-Vorträgen. Die Worte brachten Vertiefung und Verständnis für den von Sehnsucht nach Freundschaft und Familie durchdrungenen Chopin, der allerdings auch scharfsichtig und durchaus heiter sein konnte und ein gern gesehener Gast bei den vielen Pariser Salons war.
Ingmar Lazar und Chopin, das bedeutete mehr als eine beeindruckende Gegenüberstellung, und der Verzicht auf pianistische Zuckerwatte machte manchmal erst Kunst von Kitsch unterscheidbar. Dem Solisten glückte es, den Zusammenhang von seelischer Disposition und kompositorischem Schaffen klanglich zu erschließen. Mit besonderem Einfühlungsvermögen meisterte er Werke, in denen sich eine weite Ausdrucksskala zu entfalten vermochte, wie die einleitende Fantasie op. 49 oder drei sich anschließende Mazurken op. 59, die weniger zum Tanz, sondern mehr noch zum Nachdenken aufforderten. In der Nocturne op. 55, Nr.2, faszinierte er durch Kantabilität, und dank des brillant-virtuosen Zugriffes wirkten die Etuden Nr. 4, 10 und 11 durchaus nicht abgegriffen.
Überraschend schnell vergaß man beim Valse op. 42 und der Polonaise op. 44, was einem über Chopin-Interpreten so durch den Kopf geht, und bestaunte den Reiz, der da hochschwang. Im weit gespannten Scherzo Nr. 3, op. 39, offenbarte Ingmar Lazar zum Schluss ebenfalls absolut verlässliche Virtuosität und empfindsame Sachlichkeit. Ein wegen des stürmischen Beifalls zugegebener Sonatensatz ließ danach noch freudig aufhorchen.