Kultur SZ

Paris steht Kopf: Bilderwelten jenseits jeder Realität
Von Frank Westermann

Ein Traum im Traum im Traum im Traum: Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) lässt sich zeigen, was seine neue Schülerin so alles gelernt hat.

In Hollywood ist ein Schauspieler oder Regisseur nur so gut wie sein letzter Film. Christopher Nolan durchbrach mit Batman, mit dem „Dark Knight“, die Milliardengrenze, daher hat man ihm wohl gerne kolportierte 180 Millionen Dollar für ein lang gehegtes Lieblingsprojekt in die Hand gedrückt. Um es kurz zu machen: „Inception“ ist jeden dieser Dollars wert, Nolan schafft den Spagat zwischen Kunst und Kommerz mit einem Werk, das sich in kurzer Zeit seinen Platz im Olymp der Kinoklassiker erobern wird.

„Inception“ erforscht Träume und die Beziehung des bewussten Lebens zum Traumleben. Leonardo DiCaprio ist Dom Cobb, ein Dieb. Er schleicht sich in die Träume anderer Menschen ein und stiehlt geheimste Gedanken und Informationen. Dafür hat er einen hohen Preis gezahlt: Seine Frau ist tot, seine Kinder darf er nicht mehr sehen, auf seinen Kopf ist ein Preisgeld ausgesetzt. Bei seinem neuen Job soll er einen Gedanken im Kopf verankern: Ein Industrieerbe soll glauben, dass er das vom Vater geerbte Imperium zerschlagen muss. Auftraggeber ist der größte Konkurrent am Markt. Cobb stellt sich sein Team zusammen, mit dem er in den Traum eindringen will: Arthur (Joseph Gordon-Levitt) koordiniert die Abläufe, Ariadne (Ellen Page) entwirft die Träume, Yusuf (Dileep Rao) ist Experte für die Betäubungsdosis, um in die Traumphasen vorzudringen, Eamas (Tom Hardy) kann jede beliebige Person kopieren.

„Inception“ entfaltet seinen gewaltigen magischen Sog langsam. Sorgfältig wird die Versuchsanordnung vorgestellt und vorgeführt. Was passiert beim Stehlen und Verankern? Wie verhält sich die Zeit? Woran erkennt man, in wessen Traum man gerade ist? Denn um einen Gedanken im Kopf eines anderen zu verankern, müssen gleich mehrere Traumebenen bewältigt werden. Und wie bei einem Videospiel geht es von Level zu Level, von Traum zu Traum.

Dort kommt ins Spiel, was in diesen manipulierten Träumen nichts verloren hat: Die Erinnerung an Cobbs verstorbene Frau, die von Marion Cotillard gespielt wird, die für ihre Rolle als Edith Piaf einen Oscar erhielt. „Inception“ gönnt sich den netten Gag, dass der musikalische Weckruf, mit dem die Traumreisenden in die Realität zurückgeholt werden, „Non, je ne regrette rien“ ist – die Hymne der Piaf schlechthin.

Die verschiedenen Traumebenen sind sauber voneinander getrennt, in den letzten 90 der insgesamt 148 Minuten wird wie in einem Action-Reißer von einer Ebene zur nächsten geschnitten; oft wird geballert, als gäbe es kein Morgen. Sehr wirkungsvoll gestützt wird das Werk von der wuchtigen Musik Hans Zimmers, der sich aber einige – und für ihn keineswegs typischen – Ruhepausen gönnt.

Nolan erschafft Bilderwelten jenseits jeder Realität: Wenn er Paris im wahrsten Sinne auf den Kopf stellt, dann sitzt und sieht und staunt der Zuschauer mit offenem Mund. Geschäftsleute schweben schwerelos im Aufzug, und durch eine Stadt fährt plötzlich ein Zug, für den es keine Schienen gibt.

Alles, was wir sehen, ist eine Illusion: Nolan unterbreitet seine These mit einer an M. C. Escher geschulten Sichtweise: Perspektivische Unmöglichkeiten und optischer Täuschungen zeigen Normales, das auf den zweiten genaueren Blick völlig unmöglich ist. Die schon erwähnte Verbindung von Kunst und Kommerz in einem Streifen, der spektakulär wie der neue Bond daherkommt, Kopf und Hirn fordert wie ein filmischer Essay und, ganz nebenbei, noch Stars bis in die kleinsten Rollen aufbietet, schafft ein Mainstream-Meisterwerk, wie es im Kino nur alle Jubeljahre einmal zu bestaunen gibt. Wenn überhaupt.

Artikel vom 30.07.2010 - 10.00 Uhr
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