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Knallharter Kampf um die Jobs im Traumberuf

Die Schauspieler der „Pyrmonter Theater Companie“ müssen oft von der Hand in den Mund leben
Carl-Herbert Braun, Christiane Schoon und Jörg Schade (v.l.) lassen sich auch von widrigen Bedingungen nicht unterkriegen. Fotos: Archiv/Hei
Carl-Herbert Braun, Christiane Schoon und Jörg Schade (v.l.) lassen sich auch von widrigen Bedingungen nicht unterkriegen. Fotos: Archiv/Hei

Bad Pyrmont. Beifall ist das Brot des Künstlers, sagt man. Doch er macht nicht satt, und von den Gagen am Theater können immer weniger Mimen leben. Wenn der Applaus verklingt und der Vorhang fällt, beginnt für viele Darsteller ein harter Alltag.

„Schlicht eine Katastrophe“ nennen die Mitglieder der „Pyrmonter Theater Companie“ die Situation vieler Schauspieler in Deutschland. Nur wer extrem flexibel und vielseitig sei, wer Abstriche in den eigenen, auch finanziellen Erwartungen mache und Durststrecken überstehe, wer sich nicht auf eine Agentur verlasse, sondern ständig selbst Kontakte knüpfe, könne überleben, erklären Jörg Schade, Carl-Herbert („Charlie“) Braun und Christiane Schoon.

Für alle drei ist die Schauspielerei ein Traumberuf. „Es gibt keine andere berufliche Erfüllung für mich, doch den Traum habe ich mir längst abgeschminkt“, sagt Christiane Schoon. Denn der Kampf in der Branche wird immer härter. Nach einer Studie der Forschungsgruppe Bema von der Uni Münster verdienen 55 Prozent der deutschen Schauspieler weniger als 20 000 Euro im Jahr – brutto! Von den hohen Gagen, die ein paar Prominente im Fernsehen oder auf der Bühne kassieren, können die meisten der rund 20 000 deutschen Schauspieler nur träumen.

Weil immer weniger Theater sich ein festes Ensemble leisten können oder wollen, sondern eher mit Stückverträgen arbeiten, und weil das Kommen und Gehen in den Ensembles zunimmt, gibt es immer mehr Freiberufler in der Zunft.

Auch die Mitglieder der Companie waren längere Zeit in festen Engagements, in kleineren und auch größeren Häusern. Heute arbeiten sie als freie Künstler. Allerdings nicht nur, weil Stellen fehlen, sondern auch, weil die hierarchischen Strukturen der Bühnen die künstlerische Entfaltung immer mehr einengen, wie das Trio festgestellt hat.

Doch Freiheit bedeutet knallhartes Kämpfen um Jobs. So verdient sich Carl-Herbert Braun (48), der in Köln lebt, zeitweise als Sprecher beim WDR seine Brötchen, und neben der Tätigkeit als Dramaturg, Regisseur und Schauspieler inszeniert er Theaterstücke an einer Waldorfschule in Dinslaken. „Viel Geld gibt es dafür nicht, aber die Arbeit mit den Jugendlichen ist wichtig – sie sind das Publikum von morgen“. Über seine persönliche Situation sagt Braun: „Ich komme zurecht, weil mein Lebensstil bescheiden ist“. An die Gründung einer eigenen Familie indes könnte der Single im Moment nicht denken, dafür reichen seine Einnahmen nicht.

Christiane Schoon (41) ist in der Werbung tätig, macht Kindertheater und Lesungen, hatte auch schon mal eine kleine Fernsehrolle. „Ich kann verstehen, wenn Kollegen ein Soap-Angebot im Fernsehen annehmen, um über die Runden zu kommen“, betont die Berlinerin. Für sie selbst käme das künstlerisch nicht infrage, Da kellnert sie lieber, wenn ein Casting vergeblich war, und vielleicht wird sie wieder als Stewardess arbeiten, was sie früher schon getan hat.

Jörg Schade (48) ist ständig und vielseitig unterwegs, inszeniert in Schwerin und Flensburg, was oft wochenlange Trennungen von der Familie in Bad Pyrmont bedeutet. Der Leiter der Companie, der als Seiteneinsteiger zum Theater kam und sich privat ausbilden ließ, hat auch schon Kabarett gemacht und Drehbücher geschrieben, „Mit meinem Programm ,Klassik für Kinder‘ bin ich auf Tournee in ganz Deutschland unterwegs und habe offenbar eine Nische entdeckt, denn die Nachfrage ist sehr groß.“

Mit der Theater Companie haben sich Braun und Schade einen Traum erfüllt, und seit einiger Zeit ist auch Christiane Schoon im Vorstand. „Supergagen können wir nicht zahlen, aber wir sorgen für die Unterbringung der Kollegen und zahlen Pauschalen für die Probenzeit“, so Schade. Was durchaus nicht selbstverständlich ist: In vielen Fällen müssen Schauspieler bei Stückverträgen ihre Unterkunft selbst bezahlen, und vergütet werden oft nur die Aufführungen, nicht die Proben.

Was würden die drei Künstler allen Jugendlichen raten, die davon träumen, Schauspieler zu werden? Da sind sie sich einig: „Unbedingt eine fundierte staatliche Ausbildung machen, sich Durchhaltevermögen antrainieren und den Glauben an sich selbst nie verlieren. Denn eigentlich ist es der schönste Beruf der Welt.“

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