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Ihr Sinn fürs Alltägliche findet bei Kritik und Kaiser keine GnadeIn Bielefeld sind Werke deutscher Impressionisten ausgestellt. Foto: pr.
Bielefeld (sta). Schlangestehen für Claude Monet – in Wuppertals Fußgängerzone vor dem Von-der-Heydt-Museum lässt sich das Phänomen beobachten: der große Run. Bielefeld erlebt das nicht in diesem Ausmaß. Zwar steht auch hier das zugkräftige Stichwort Impressionismus auf dem Ausstellungsprogramm. Doch geht es in der Kunsthalle nicht um die Superstars aus Frankreich, sondern um die deutsche Variante.
Liebermann, Slevogt, Corinth – das sind mit Abstand die populärsten Vertreter, und sie steuern schöne Stücke bei. Hinzu gesellen sich in der Ausstellung, die bis zum 28. Februar zu sehen ist, gut 30 Weggefährten. Zu Lebzeiten meist hochgeschätzte Maler, über die heute kaum noch jemand redet. Gotthardt Kuehl etwa, der die Prinzipien der Freilichtmalerei in Innenräume trägt. Eindruck machen in Bielefeld seine barocken Kircheninterieurs, in denen sich einfallendes Licht auf glänzenden Oberflächen funkelnd bricht. Oder Hermann Pleuer; verheiratet mit einer Eisenbahnertochter, wählte er den Stuttgarter Hauptbahnhof zum Dreh- und Angelpunkt seiner Kunst.
In 185 Werken gibt die Ausstellung einen erschöpfenden Überblick. Doch warum liest, spricht, hört man ansonsten so wenig über den deutschen Impressionismus? Schuld an der mangelnden Bekanntheit ist nicht zuletzt der Gang der Kunstgeschichte, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine aufregende Neuigkeit nach der anderen produzierte. Überrollt vom Expressionismus aus deutschen Landen blieb der heimische Impressionismus links liegen. Ein verstaubtes Image haftet ihm an – auch weil die Bewegung am französischen Maßstab gemessen und nicht selten als wenig innovative Folgeerscheinung abgetan wurde. Ein Blick in die Kunsthalle Bielefeld genügt jedoch, diesen Vorbehalt zu entkräften. Schnell wird klar, dass die jungen deutschen Maler überhaupt nicht daran interessiert waren, es den Franzosen gleichzutun. Sie formten vielmehr eine eigene Bewegung, selbstbewusst und anti-akademisch. Von einer „sanften Revolution“ gar spricht die Bielefelder Kuratorin Jutta Hülsewig-Johnen.
Ihrem Überblick ist es zu verdanken, dass der deutsche Impressionismus in der Kunsthalle als von etlichen Malern getragenes, in ganz Deutschland wirksames Phänomen vor Augen tritt – mit vielfältigen thematischen wie stilistischen Möglichkeiten, die durchaus über das Repertoire der Franzosen hinausgehen. Sehr eindrücklich zu erkennen ist das bei Lesser Ury mit seinen Bildern der Metropole bei Nacht. Hier ist es nicht Sonnenlicht, das in Alleen, auf Felder und Wasserflächen fällt. Es sind Gaslaternen und Autoscheinwerfer, deren Licht auf nassem Asphalt widerscheint.
Bei aller Unterschiedlichkeit zeichnen sich in der Schau jedoch Eigenheiten ab, die den deutschen Impressionismus kennzeichnen, ihn vom französischen unterscheiden. Das helle Flirren fehlt hier; tonige, erdige Farben bleiben bestimmend. Während etwa Monet mit seinen Heuhaufen und Kathedralen der Abstraktion entgegengeht, bewegen sich die Deutschen weiterhin in fest gefügten Formen, in gegenständlichen Grenzen. Auch weil sie nicht auf den Inhalt hinter der Erscheinung verzichten mögen.
„Ich wollte nicht nur Naturstudien geben, ich suchte Inhalt – sonst sind, dachte ich, ja die Bilder langweilig“, formulierte es Fritz von Uhde. Er malte gern junge Mädchen beim Müßiggang in sonnigen Gärten, wo sich ein bewegtes Spiel von Licht und Schatten bietet. Auch Heinrich von Zügel interessierte das Lichtspiel. Der auf Kühe spezialisierte Maler provozierte es, indem er das Vieh durch seichte Gewässer führen ließ. Doch schaute er immer auch auf Kuh und Knecht.
Kuratorin Hülsewig-Johnen macht den Mut der Künstler deutlich, sich die Motive selber zu suchen, Alltäglichkeiten aufzugreifen. Heute eine Selbstverständlichkeit, aber damals Grund für Anfeindungen von allerhöchster Stelle. Ausdrücklich verurteilte der Kaiser „den widerlichen Kultus der Persönlichkeit, den diese Leute treiben“.