Kultur SZ

Hartes, schönes, kostbares Leben – in Nahaufnahme

Von Marie Denecke

Precious“ ist kein Popcorn-Kino, kein Wohlfühlfilm. Unbedarft hineingehen kann man natürlich, doch schon nach den ersten zehn Minuten könnte man das bereuen. Denn das, was der Untertitel des Films im Englischen aussagt – „Life is hard. Life is short. Life is painful. Life is rich. Life is precious.“ – zu Deutsch: „Leben ist schwer. Leben ist kurz. Leben ist schmerzhaft. Leben ist reich. Leben ist kostbar.“ – ist schon ein Hinweis darauf, worauf sich der Zuschauer einstellen muss, wenn er „Precious“ sehen möchte.

Das hier porträtierte 16-jährige Mädchen Precious Clareece Jones (Gabourey Sidibe) hat eine Geschichte, wie man sie sich nicht einmal vorstellen möchte: Precious wohnt mit ihrer Mutter (Mo’Nique) in dem New Yorker Problemviertel Harlem, sie ist stark übergewichtig, sie ist quasi Analphabetin. Mit drei Jahren wurde sie von ihrem Vater zum ersten Mal missbraucht, inzwischen erwartet sie das zweite Kind von ihm, das erste hat das Down Syndrom und wird von ihrer Mutter nur als Vorwand benutzt, um Sozialhilfe zu bekommen. Ihre Mutter, voller Hass auf die eigene Tochter und voll Eifersucht, dass ihr Freund nicht nur mit ihr, sondern auch mit ihrer Tochter Kinder gezeugt hat, misshandelt Precious täglich, schlägt und beleidigt sie oder zwingt sie auch schon mal dazu, einen ganzen Teller frittierter Schweinefüße zu essen. Und dann erfährt Precious auch noch, dass sie das HI-Virus in sich trägt.

Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist schwer zu ertragen. Wie gesagt, kein Wohlfühlfilm. Auch nur eines der Dinge, die Precious erfahren muss, ist extrem und gewaltig genug für eine Person.

Doch es gibt einen Lichtblick: Precious. Precious, die sich immer wieder in schillernde Traumwelten rettet, die mit – manchmal körperlicher, aber vor allem verbaler – Schlagfertigkeit und dem Glauben an eine bessere Zukunft einen Rückschlag nach dem anderen hinzunehmen scheint und etwas in die Geschichte bringt, das man hier nicht erwartet: großartigen Humor.

Denn Precious lässt sich nicht unterkriegen, von niemandem: Sie entscheidet sich dazu, ihre alte Schule zu verlassen und eine Förderschule zu besuchen, auf der sie durch ihre Lehrerin Miss Rain (Paula Patton) und ihre Mitschülerinnen, allesamt Analphabetinnen und mit so krassen Erfahrungen wie sie selbst, nicht nur das Lesen, sondern auch das Leben lernt. Sie bekommt die Kraft, die harten Schläge ihrer Umwelt nicht nur zu ertragen, sondern auch, ihnen auszuweichen, um sie nicht mehr hinnehmen zu müssen.

Wer die Vorlage für den Film, den Roman „Push“ von der US-amerikanischen Autorin Sapphire, gelesen hat, bevor er den Film gesehen hat, dem wird die Geschichte, die der Film erzählt, womöglich weniger intensiv als die Geschichte des Romans vorkommen. Im Film werden die einzelnen Lebensgeschichten kurz berührt, man wird als Zuschauer immer ein wenig auf Distanz gehalten, bekommt nur Streiflichter der Schicksale zu sehen.

Doch das macht den Film nicht schlechter, nur anders. Denn wäre all das, was in „Push“ geschrieben steht, verfilmt worden, würde es wohl den meisten Menschen schwer fallen, die gesamte Filmlänge im Kinosessel auszuhalten.

„Precious“, in gedruckter oder gefilmter Form, bleibt jedoch immer klar eine Geschichte, die Hoffnung macht.

Irgendwie.

Lehrerin Miss Rain (Paula Patton) gibt Precious (Gabourey Sidibe) neuen Mut, ihr Schicksal endlich in die eigene Hand zu nehmen.

Artikel vom 29.05.2010 - 00.00 Uhr
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