Kultur SZ

Den Preis zahlen doch immer die Schwächeren

Die Ikone der Krimiliteratur der letzten Jahre schlechthin: Noomi Rapace als Lisbeth Salander.

Von Frank Westermann

Je dunkler und unübersichtlicher diese Welt wird, umso stärker wird das Verlangen nach einem Helden, der Licht ins Dunkle bringt, dem Bösen die Charaktermaske vom Gesicht reißt und für ein bisschen mehr Gerechtigkeit in dieser ebenso unübersichtlichen und wie ungerechten Welt sorgt. So erklärt sich der Erfolg der Romane von Lee Child um den eindimensionalen Helden Jack Reacher, und auch bei „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ ist der Erfolg weniger den – durchaus bekannten – Geschichten geschuldet, sondern einer Figur: der coolen Rachegöttin Lisbeth Salander.

Stieg Larssons fulminante Millennium-Trilogie geht mit „Vergebung“ jetzt in die letzte Runde. Regie führte wie bei Teil zwei, Daniel Alfredson. Was durchaus Sinn macht, denn die Teile zwei und drei sind verknüpft, nach dem finalen Cliffhanger (Lisbeth budelt sich mit drei Kugeln im Kopf aus dem kalten Grab heraus und sucht mit dem Beil in der Hand das finale Gespräch mit ihrem Vater) beginnt „Vergebung“ im Krankenhaus.

Die Millennium-Trilogie ist eine ordentliche Verschwörungstheorie, die von einer im Innern zersetzten Gesellschaft erzählt, in der eine kleine und einflussreiche Clique völlig enthemmt wütet, um mit aller Macht durchzusetzen, was sie für richtig hält. Und alles dafür tut, damit ihre Umtriebe nicht entdeckt werden:. Kein Preis ist dieser Macht-Clique zu hoch, denn den Preis, den zahlen doch sowieso immer die andern, die Schwächeren.

„Vergebung“ ist ein Gerichtsthriller, der bestens funktioniert. Und auch als eigenständiges Werk besteht: Selbst wer die literarischen Vorgaben nicht kennt oder die beiden ersten Teile der Trilogie nicht gesehen hat, kann der Handlung problemlos folgen: Ein paar Rückblenden zu Beginn bringen auch Neulinge im Salander-Universum auf den momentanen Stand der Dinge.

Gut zwei Stunden nimmt sich der Film Zeit, um die männlichen Strukturen einer Gesellschaft aufzuzeigen, in der Außenseiter wie Lisbeth Salander, die als zwölfjährige ihrer M Mutter gegen den gewalttätigen Vater beistehen wollte, entmündigt wird und von den maskulinen Schaltstellen der Macht mundtot gemacht werden soll, ehe der Showdown vor Gericht beginnt: Mit der Diagnose paranoider Schizophrenie gräbt der Psychiater Teleborian ihr jede Glaubwürdigkeit ab. Teleborian ist der Wiedergänger von ihrem vergewaltigenden Vormund Bjurman aus „Verblendung“ und Anders Ahlbom Rosendahl gestaltet ihn als einen aasigen und wahrhaft widerlichen Antagonisten, der als anerkannter Fachmann aus der Mitte der Gesellschaft heraus die Strippen ziehen kann, um andere Menschen mit einem Federstrich einfach zu vernichten. Selten hat es soviel Spaß gemacht, einen Schurken bei seinem tiefen Fall zuzuschauen.

„Vergebung“ weist – wie der zweite Teil auch- nicht die teilweise atemberaubende inszenatorische Dichte auf wie der erste Teil; der Anteil der reinen Schuss-Gegenschuss-Szenen ist erneut recht hoch und wohl durch den ursprünglichen Plan zu erklären, die Teile zwei und drei nur für das Fernsehen zu produzieren. Erst der enorme Erfolg der Bücher und auch des ersten Teils führten nach dem Ende der Dreharbeiten zu einem Umdenken.

Auch wenn „Vergebung“ zuweilen ein bisschen bieder daherkommt, so endet die Trilogie doch düster und spannend. Und es ist ein würdiger Abschluss.

Artikel vom 10.07.2010 - 00.00 Uhr
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