Kultur SZ

Cineastische Chronik eines angekündigten Mordes

Am Ende ist jeder ganz mit sich allein: „Die Fremde“ läuft im Metropol-Filmtheater Steinbergen.

Von Cornelia Kurth

Es passiert doch nichts anderes, als dass eine junge Frau sich von ihrem Mann trennt und mit dem kleinen Sohn zu ihrer Familie zurückkehrt. Und doch entsteht daraus eine Tragödie mit dem Vernichtungssog der klassischen griechischen Sagen. Am Ende sind alle Beziehungen bis in die kleinsten Verästelungen hinein zerstört. Der Film „Die Fremde“ handelt von einer türkischen Familie in Deutschland, die zwischen zwei gegensätzlichen Wertvorstellungen zermalmt wird.

Viel gesprochen wird nicht in dem auch sonst aus eher ruhigen, sehr intensiven Bildern bestehenden Film der Wiener Regisseurin Feo Alada. Sowohl die Tochter Umay (Sibel Kekilli), die sich die Freiheit nimmt, ihr Leben selbst zu bestimmen, als auch ihre Eltern und Geschwister, deren Familienbild durch diesen Freiheitsanspruch bedroht wird, sind sich so sicher, dass sie im Recht sind mit ihren jeweiligen Lebensentwürfen. Als sie aufeinanderprallen, gibt es kaum Diskussionen und keinen Kompromiss. Ein vorbestimmtes Unglück nimmt seinen Lauf.

Dabei fehlt es nicht an Liebe in dieser Familie, die unauffällig in Berlin lebt, integriert durchaus, zugleich aber tief gebunden an die traditionellen Vorstellungen des Patriarchats und der fügsamen Rolle der Frau. Bei aller Zärtlichkeit untereinander (aber auch männlicher Anmaßung von Gewalt) wird Umay schnell bedeutet, dass sie nach Istanbul zu ihrem Mann zurückzukehren habe. Eltern und Geschwister, sie verstehen sehr wohl, dass Umay den Vater ihres Kindes nicht mehr liebt. Übergeordnete Interessen aber haben eine so viel größere Bedeutung als das Schicksal einer Frau.

Das sind die Eltern und der große Bruder mit der Verantwortung für den Ruf der Familie. Selbst wenn Umay nicht gehorcht, der kleine Sohn muss auf jeden Fall wieder zurück zum Vater, wollten sie nicht in ihrem Umfeld zu geächteten Außenseitern werden. Schon zeigen sich die Folgen, als die Verlobung der jüngeren Schwester wieder gelöst wird. „Aber ich muss heiraten“, sagt die bereits schwangere Schwester. Und die Mutter antwortet in vorausschauendem Fatalismus: „Wir sind verbrannt!“ Ja – so wird es kommen.

Der Film beginnt mit einer Szene, die wirkt wie die Illustration des jüngsten Ehrenmord-Falles in Deutschland, wo Brüder ihre Schwester, die ein eigenes Leben führen wollte, auf der Straße erschossen haben. Der 16-jährige Bruder zieht die Pistole und richtet sie auf Umay, die stehen bleibt, ihren kleinen Sohn an der Hand. Schnitt. Dann sitzt er im Bus, Schweiß und Tränen strömen über sein Gesicht. Noch einmal wendet er sich um, stürzt zum Fenster, starrt entsetzt hinaus und sieht etwas so Schreckliches, dass alle Worte endgültig fehlen.

Es gab Chancen vom Weg des Unglücks abzuweichen. Umays Arbeitgeberin versucht, ihr die Richtung zu weisen: „Wende Dich ab! Deine Familie wird sich nicht für Dich entscheiden sondern für die Gesellschaft!“, sagt sie. Doch Umay besteht darauf, beides zu haben: den Zusammenhalt in der Familie und ein eigenes Glück.

Sie erscheint mit dem Kind auf der schließlich doch arrangierten Hochzeit ihrer Schwester und hält einen flehentlichen Appell an die Hochzeitsgesellschaft, die ohne sie tanzt und feiert. Zum Zuckerfest steht sie vor der Tür, eine Süßigkeit in der Hand. Statt mit ihrem neuen Freund wegzuziehen, bleibt sie in der Nähe, um ihre Geschwister und die Mutter zu vergeblichen Wortaustauschen zu treffen. Düster ist es in der Wohnung der Familie, wo niemand mehr einen Rat weiß. Bis der Vater in die Türkei reist, in sein abgelegenes Heimatdorf. Der Rat, den er dort erhält, besiegelt das Schicksal aller.

Es sind keine bösen Menschen, um die es geht. Der Film „Die Fremde“ ist nicht von Hass und Wut erfüllt. Man könnte meinen, Fatalismus sei an die Stelle solcher Gefühle getreten. Aber auch das ist nicht der Fall: Gerade die tödliche Unausweichlichkeit des Geschehens gibt auf eigenartige Weise Hoffnung, dass sich in Zukunft etwas ändern wird. Weil es so einfach ganz und gar nicht geht.

Artikel vom 26.06.2010 - 00.00 Uhr
drucken
Diesen Artikel versenden


   
versenden

Artikel kommentieren






Startseite | Lokales | Überregionales | Sport | Magazin | Kultur | Anzeigenmarkt | Service | Impressum
© C. Bösendahl GmbH & Co. KG
Eine starke Gruppe: Deister- und Weserzeitung | Pyrmonter Nachrichten | Dewezet Bodenwerder | Schaumburger Zeitung | Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung | Deister-Leine-Zeitung | Neue Deister-Zeitung | Wesio | Weserbergland.Com | Medien 31